Von den Medien und den Amtskirchen eher kritisch beäugt, ging „Bibel TV“, der erste christliche Sender Deutschlands, Anfang Oktober auf Sendung – und, wer hätte das gedacht, die dunklen Ahnungen des Prophetenchors dürften sich nach den ersten Monaten Laufzeit nun doch nicht bewahrheiten.

Dr. Ebba Hagenberg-Miliu

Der erste Eindruck scheint noch zu bestätigen, was man ja eigentlich schon von dem Augenblick an genau zu wissen glaubte, als sich da an Europas Digitalhimmel Bibel TV ankündigte. Eine junge Frau mit artigem Ponyschnitt steht ein wenig ungelenk im Raum, moderiert vorsichtig an, und dann fährt die Kamera langsam an Regalen inhaltschwerer Bücher vorbei. Stand nicht genau das zu befürchten, seit Bibel TV-Initiator und Geschäftsmann Norman Rentrop sich wünschte, auch kein TV-Konsument möge mehr ohne Gottes Wort bleiben müssen: Bravheit und Belesenheit bis zum Abwinken? „Tödlich bei jungen Zuschauern, schon beim Probe-Reinzappen das Gefühl: Achtung, gleich kommt Kirche, auch wenn’s gar nicht mal Kirche ist“, stöhnt ein 20-jähriger Erstkonsument und bedient unbarmherzig die Fernbedienung. Hätte unser junger Zapper dem Sender aber nur ein paar Augenblicke mehr gegönnt, dann wäre ihm vielleicht ein anderes Gesicht von Bibel TV nicht entgangen: diese attraktive Dame, die da, fast ein wenig lasziv lehnend, häppchenweise aus dem Buch der Bücher liest. Die „Süddeutsche“ fühlte sich irgendwie an Monica Lewinsky erinnert. Bibel TV also doch nicht ganz so brav, aber immerhin belesen?

Es hatte auf jeden Fall mächtig im Blätterwald gerauscht, als am 1. Oktober letzten Jahres von Hamburg aus Bibel TV nach mehreren Startverschiebungen endlich „on air“ gegangen war. Die „himmlische Ausstrahlung“ habe begonnen, „Jesus wandelt über Rundfunkwellen“, schrieb man, und „Gott sendet nun aus Hamburg“ oder „Jetzt heißts Glotzen statt Beten“. Ging hier nun das sogar von der „Zeit“ beschworene „fette Comeback von Jesus“ auch digital über die Bühne? Oder handelte es sich nicht vielleicht doch um einen neuen Coup dieses erfahrenen Wirtschaftsverlegers aus Bonn? Dem Mann fühlte nun pünktlich zum Startschuss selbst der „Spiegel“ zeilenreich auf den Zahn. „Ich war bei Sendebeginn schon aufgeregt“, gibt Norman Rentrop heute unumwunden zu. „Aber ich hatte andererseits noch nie so häufig Gelegenheit, den Medien von meinem Glauben zu erzählen, wie in diesen Wochen“, so der Verleger. Was war geschehen, dass sich selbst „die tageszeitung“ sorgte, beim neuen Tele-Evangelium werde 24 Stunden pro Tag nur ein „Abklatsch amerikanischer Bibelsender“, sprich ein dem deutschen Rundfunkvertrag widersprechendes Missionierungsprogramm, auf das heimische TV-Publikum losgelassen?

„Warum haben die eigentlich eine solche Angst vor uns?“ fragte man sich auch im achtköpfigen Bibel-TV-Redaktionsteam – und funkte fleißig weiter: Textlesungen und Bibelfilme, Dokumentationen und Quizfragen, Gesprächsrunden und Musik-Videos. Zum Beispiel das von Sarah Brendel, einer 25-Jährigen, die es mit ihrem Song „Be With You“ sogar schon zum Hingucker bei RTL gebracht hat. Da war ein selbsternannter „Jesus-Junkie“ also zwischen Formel 1 und Günther Jauchs Quizshow geschlüpft. Für Bibel TV, das sich seit Monaten landauf landab auf die Fährte christlicher Pop-Bands gemacht hatte, ist sie nun im laufenden Programm zweifellos ein Glücksfall, diese Blondine im Goldkostüm. Sagt sie doch in einer sich anschließenden Musikreportage so schöne Sätze wie „Gott, ich will dich erleben“ und „Das Einzige, wonach ich mich sehne, ist, bei Jesus zu sein“. Und das, während sie sich, in Nordseedünen liegend, den Sand langsam durch die Finger rieseln lässt. Plötzlich kommt der Bibel TV-Programmpunkt „Jericho. Musik, die verwandelt“ also optisch professionell daher wie einer dieser gängigen friesisch herben TV-Werbespots. Oder wie die Clips der „Konkurrenz“.

„Wir wollen ja auch eine Art MTV oder VIVA auf christlich werden“, hatte sich Bibel TV- Programmmacher Henning Röhl zum Sendestart gewünscht. Und nun nach den riskanten ersten Monaten „on air“ bescheinigt dem ehemaligen MDR-Fernsehdirektor sogar der evangelische Rundfunkbeauftragter Bernd Merz, dass das Zusehen „richtig Spaß“ mache. Christliches Gedankengut, ja Glaubenszusammenhänge kämen hier keineswegs hölzern, wie von manchem prophezeit, sondern in einem „professionell gemachten Programm“ daher. Und auch von etwaigen Missionierungsbefürchtungen ist in Merz` Zwischenbilanz nichts zu spüren. „Mir gefallen vor allem die facettenreichen Gesprächssendungen zu Glaubensfragen. So etwas würde ich mir mal im TV-Vollprogramm wünschen“, so Merz. Wem nun das eine oder andere nicht gefalle, den müsse aber zumindest die Vielfalt der Formate überraschen. „Glaube kann eben auch mal kitschig sein“, spielt Bernd Merz auf die Ausstrahlung der filmischen Bibelschinken an. Hauptsache sei aber wohl, dass Glaube im TV-Programm überhaupt einmal vorkomme. Dabei erinnert sich der EKD-Beauftragte noch sehr wohl an eine Initiative der Öffentlich Rechtlichen Sender, einen digitalen Religionskanal einzurichten. „Das ist vor Jahren leider versandet. Jetzt hatte also ein Einzelner eine Vision und hat sie Wirklichkeit werden lassen“.

Derweil sendet Bibel-TV unter seinem orangefarbenen Sternenlogo pausenlos weiter von Nordafrika bis Lappland und den Kanarischen Inseln bis zum Ural. Etwa die mit „Worship“-Musik und Bibelversen unterlegten Landschaftsbilder, bei denen Rentrop nach eigenem Bekunden so herrlich Akten studieren kann. Oder die mit „Sternchen“ betitelten Kinderfilme. Eine Zeichentrickserie geht gerade über den Bildschirm. Ein paar Dreikäsehochs sitzen gebannt davor. Handelt es sich doch darum, dass ein Kinder-Detektivteam einen vermissten Jungen vor drohenden Gefahren retten will. „Nichts ist hoffnungslos, wenn nur Jesus an deiner Seite ist“, heißt es da. Ein schneller Blick auf die jungen Fernsehkonsumenten. Werden die nicht bei solchen pathetischen Sätzen die Mienen verziehen? Doch es gibt keine besonderen Vorkommnisse im Kinderzimmer zu verzeichnen. Nur beim späteren Nachspielen der Szenen kommt dann der Diskussionspunkt auf, wie man denn nun diesen „Chef Jesus“ agieren lassen solle. Ob sich unsere so „coolen Kids“ bei Bibel TV also doch nicht automatisch in einer verkappten Religionsstunde wiederfinden, wie befürchtet?

„Wenn nach dem Konsum Fragen angeregt werden, wenn daraus Gespräche über Gott und den Glauben entstehen, dann ist das aus meiner Sicht schon den Aufwand wert“, sieht auch Anke Kreutz, die Bonner leitende Pfarrerin der Rheinischen Frauenhilfe, das TV-Projekt inzwischen als positiv an. Die Crux dabei ist nur: Kaum jemand innerhalb der Kirchen hat bislang wirklich mal selbst reingeschaut in den „Gotteskanal“. Und das schon mal aus technischen Gründen. Für den Empfang braucht man nämlich eine Satellitenschüssel und einen Decoder. Derzeit sind in Deutschland aber erst fünf Prozent der Haushalte, also etwa 1,8 Millionen Menschen, technisch soweit aufgerüstet. Und es fragt sich, ob genau diese kreglen Zapper der Nation gerade auf ein Tele-Evangelium gewartet haben. Für Otto Normalverbraucher, den einfachen Kabelkunden, sind bislang erst Appetithappen des Programms sonntags auf NBC-Europe um 10 und 19.30 Uhr zu erhaschen. Deshalb würde man von Hamburg aus natürlich liebend gerne auch selbst ins Kabel-TV und die dazugehörigen Programmzeitschriften einsteigen. Wer will schon über viele Jahre für den baldigen Ausbruch des absoluten Digitalzeitalters beten müssen?

Doch für solcherart Ambitionen erweist sich das sendereigene Portemonnaie noch um einiges zu schmal. Die Bonner Rentrop-Stiftung, die mit 52 Prozent Hauptanteilseigner ist, hat das Projekt mit 6,9 Millionen Euro für drei Jahre anschubfinanziert. Davon muss der Hauptteil in die Übertragungstechnik fließen. Und Henning Röhl selbst kann nur bis zu 750.000 Euro pro Jahr für sein Programm ausgeben – ein Klacks etwa gegen den 110-Millionen-Jahresetat, der ihm vormals beim ARD-Kinderkanal zur Verfügung stand. Kein Wunder, dass man sich in der Branche im Vorfeld vor Lachen auf die Schenkel schlug. Davon wollte der Mann auch Live-Reportagen schalten? „Erfolgsgeschichten beginnen anders“, höhnte die Berliner Zeitung. Die finanzielle Ausstattung des Bibel-TV-Teams sei lächerlich, die technische Reichweite minimal und die Unterstützung der Kirchen auch nur halbherzig, teilte das Blatt aus. Was das jüngste Fernsehkind an Deutschlands Digitalhimmel jedoch nicht hinderte, die frohe Botschaft für die Mattscheibe weiter und weiter zu senden. Z. B. regelmäßig auch das Format „Leben“. In diesem Fall ist`s eine Fünf-Minuten-Bildbetrachtung, die es dann unvermittelt in sich hat.

Paul Klees „Seiltänzer“ tastet sich da vorsichtig über einen dünnen Strang. Unter ihm den Abgrund spürend, krallt sich das Strichmännlein fest an seine Balancierstange. „Den Christen stimmt nachdenklich, wie der Mensch nun vertrauensvoll weiter schreitet und, Paul Klee ist für seine stillen Botschaften bekannt, erst durch das Kreuz im Gleichgewicht gehalten wird“, hört man die beruhigende Stimme aus dem Off. Das Individuum als Seiltänzer, der jeder Zeit fallen kann und unbedingt einer Balancierstange bedarf, um überhaupt ausschreiten zu können – ein passendes Bild auch für einen von einer Handvoll Menschen gemachten TV-Kanal, der um seine Zukunft bitter wird kämpfen müssen. Jedes Wirtschaftsunternehmen brauche seine drei Jahre, um sich am Markt durchzusetzen, sagt Norman Rentrop dazu energisch. Selbst MTV habe jahrelang gestrampelt. „Und ich habe die Hoffnung, dass die Kirchen den Sender nach den drei Jahren Laufzeit mitfinanzieren werden“, so der Sponsor. Ansonsten werde man einen Spenderkreis aufbauen und mit Werbeeinnahmen wirtschaften. Wie werden also die Amtskirchen auf Dauer mit dem neuen Bibelsender umgehen?

Zumindest in der Einschätzung des EKD-Rundfunkbeauftragten Bernd Merz wäre da für Henning Röhl schon ein kleiner Lichtstreif am Horizont zu entdecken. Wenn Kirche für einen unabhängigen Kanal auch auf Dauer kein reiner Zuschussgeber werden könne, so sollte sie einem Projekt wie Bibel TV doch „ein fairer Partner“ sein, so Merz. „Wenn es um den Erhalt eines solchen Senders geht, dann sollten wir uns meiner Ansicht nach fragen, wo wir da einspringen müssten“. Und die Weichen für die Zukunft, die würden ja schon bald gestellt. „Der Verlust eines ersten deutschen Bibelsenders würde auf jeden Fall mehr Schaden anrichten“.

Bibel TV, Rothenbaumchaussee 197, 20149 Hamburg, Tel. 040/4450660, www.bibel-tv.de
24-Stunden-Satellitenprogramm über Astra 19.2C
Halbstunden-Kabel-Programm über NBC-Europe, sonntags ab 10 und 19.30 Uhr