Der bevorstehende Jahrtausendwechsel führt zu einem Boom an Trendmeldungen, was die Zukunft angeblich bringen werde. Da ist Beratung gefragt. Kein anderer Unternehmer in Deutschland ist darauf so spezialisiert wie der 41jährige Norman Rentrop. Schon mit 18 gründete er sein erstes publizistisches Objekt. Mittlerweile verlegt er 60 Informationsdienste und Zeitschriften, darunter auch den „Trendletter“. Seine weltweit rund 600 Mitarbeiter erwirtschafteten 1998 einen Rekordumsatz: 164 Millionen Mark. Ende letzten Jahres hat Rentrop auch eine Journalistenakademie in seiner Heimatstadt Bad Godesberg gegründet. Das Mitglied der rheinischen Kirche ist einer der Hauptredner des von idea verantworteten „Kongresses christlicher Führungskräfte “ vom 4. bis 6. Februar in Fellbach bei Stuttgart. Mit Rentrop sprach Helmut Matthies.

idea Spektrum

Idea: „Sie gelten als einer der großen „Berater der Nation“. Wohin gehen die Trends heute?

Rentrop: Zu immer schnellerem Wandel und immer größerer Kompliziertheit auf der einen Seite, auf der anderen finden wir eine große Sehnsucht nach Einfachheit und Orientierung. Die Analysten und Redakteure unserer Publikationen zum Thema „Trends heute“ werten das aus, was weltweit an Entwicklungen zu erkennen ist. Eine gerade erschienene Studie nennt beispielsweise folgendes:
1. Neue Formen der Arbeit. immer mehr Menschen arbeiten von zu Hause aus.
2. Vom Gastarbeiter zum Weltbürger: Die Welt wächst zusammen mit einem neuen Bürgerverständnis.
3. Vom Jugendkult zur Wertschätzung des „dritten“ Alters („Du sollst Vater und Mutter ehren“).
4. Weniger Staat, mehr private Initiative in Schule und Universitäten, Aus- und Weiterbildung.
5. Von der Elektronik zum Jahrhundert der Biologie.
6. Vom Materialismus zur Geistlichkeit. (Also eine große Chance für Christen und Kirchen!)

Warum die Wirtschaft krankt

Idea: Sie geben vornehmlich Beratung in wirtschaftlichen Fragen. Woran krankt die deutsche Wirtschaft?

Rentrop: Wir haben immer noch eine der leistungsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Bei uns gibt es im Vergleich zu vielen anderen Ländern einen sehr guten Ausbildungsstand, ein stabiles Rechts- und Finanzsystem und immer noch einen großen sozialen Konsens. Doch Überregulierung und Übersteuerung machen unseren Betrieben und den selbständigen Unternehmen zu schaffen. Wir sind das Land mit den meisten Steuervorschriften in der Welt. 60 Prozent der Welt-Steuerliteratur wird bei uns produziert. Schon vor 20 Jahren schimpfte Bundeskanzler Helmut Schmidt, daß es selbst ihm als gelerntem Wirtschaftswissenschaftler nicht mehr gelänge, seine Stromrechnung zu lesen. Seitdem sind bei uns noch mehr Vorschriften erlassen worden, kaum etwas wurde wirklich vereinfacht. Wer ein Haus baut, eine Stiftung gründen oder sein eigenes Unternehmen aufmachen will, steht oftmals vor einem Hürdenlauf durch die Vorschriften-Landschaft. Wer sich als Arbeitsloser mit dem Putzen von Fenstern selbständig Geld verdienen will, dem bedeuten viele Handwerkskammern, er dürfe das erst nach Absolvierung einer sechs- bis neunjährigen Ausbildung machen. Wer eine Garage zur Gründung seines Unternehmens nutzen möchte, dem sagt die Arbeitsstättenverordnung: Das ist nur mit Fenster erlaubt. Die Bauordnungen verbieten jedoch genau dies. Dazu kommt bei vielen die Vorstellung, daß der Staat für alles zu sorgen habe.

Auf die Kernkompetenz besinnen

Idea: Was kann die Kirche von der Wirtschaft lernen?

Rentrop: Aus Marketingsicht verfügt die Kirche über ein Super-Produkt. Was gibt es Besseres als die Botschaft von Jesus Christus? Doch das beste Produkt nutzt nichts, wenn der, dem es nützt, nichts davon erfährt. Milliarden Menschen haben noch nie die Bibel gesehen, Gottes Wort gehört: Und selbst bei uns: Wieviele Menschen haben seit Jahren keinen Anstoß mehr bekommen, die Bibel zu lesen, in einen Gottesdienst zu gehen. Eine der großen Entwicklungen unserer Wirtschaft in den letzten Jahren war, sich auf ihre jeweilige Kern-Kompetenz zu konzentrieren. Firmen, die früher vom Bügeleisen bis zum Flugzeug versuchten, alles für jeden zu produzieren, konzentrieren sich heute ganz bewußt auf das, was sie am besten können. Hier möchte ich Gemeinden und Kirchen Mut machen, sich auf das zu konzentrieren, was sie besser können als andere.

Am schönsten drückt das für mich der folgende Zehnzeiler aus, den ich in New Orleans in einem Pfingstgottesdienst hörte: „Wenn Wissen unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns ein Universalgenie geschickt. Wenn Technologie unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns einen Technik-Wissenschaftler geschickt. Wenn Geld unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns einen Ökonomen geschickt. Wenn Unterhaltung unser größtes Bedürfnis wäre, hätte Gott uns einen Unterhaltungskünstler geschickt. Aber so, da Vergebung unser größtes Bedürfnis ist, schickte er uns einen Erretter.“

Mut zu Hausbesuchen

Idea: Und wie sollte diese Botschaft vermittelt werde?

Rentrop: Jeder Kirchenvorstand sollte sich fragen: Wie oft kommt der Pfarrer zu jedem seiner Gemeindemitglieder? Ich möchte Mut machen zu Hausbesuchen! Grundsätzlich muß stets gefragt werden: Welchen Stellenwert nimmt bei uns Mission ein? Großartige Ideen und Vorbilder gibt es genug: Die Aktion „neu anfangen“ zum Beispiel. Derzeit wird jeder Haushalt in Potsdam angerufen, jeder Einwohner eingeladen, an Gottesdienst und Gebetskreisen teilzunehmen.

Für ein christliches 24-Stunden-TV-Programm

Idea: Hätte Luther heute im Fernsehen gepredigt?

Rentrop: Ja. Das Fernsehen ist nun einmal das Medium, mit dem in unserem Kulturkreis heute die meisten Menschen erreicht werden. Ich erlebe staunend, wie der reformierte US-Pfarrer Dr. Robert Schuller jeden Sonntag in seiner Predigt weltweit inzwischen 10 Millionen Zuschauer erreicht. Viele davon in Gegenden, wo christliche Missionare nicht unbedingt willkommen geheißen werden. Seine Predigten sind im Internet für jedermann zu jeder Tages- und Nachtzeit weltweit abrufbar. Alle Predigten der letzten zwei Jahre. Mein Wunsch ist, daß wir auch in Deutschland ein christliches 24-Stunden-Fernsehprogramm bekommen – so wie es das gleich dreifach in den USA und über weite Teile des Tages auch schon in Großbritannien gibt.

Idea: Bisher ist das vor allem am fehlenden Kapital gescheitert…

Rentrop: Es käme darauf an, einmal alle Kräfte, die sich ein solches Fernsehprogramm wünschen, zu bündeln und dann einen Startschuß zu geben. Dafür würde ich mich auch gern einsetzen.

Fernsehen als Einladung zum Gottesdienst

Idea: Könnte nicht aber christliches Fernsehen dazu verleiten, noch weniger christliche Veranstaltungen zu besuchen? Das Problem ist in Deutschland ja auch unter den Christen, daß nicht zu wenig, sondern mittlerweile zuviel ferngesehen wird, wenn man bedenkt, daß jeder Deutsche im Durchschnitt bereits aber drei Stunden täglich vor dem Bildschirm verbringt.

Rentrop: Ich möchte überhaupt nicht zum Fernsehkonsum ermutigen! Im Gegenteil. Gemeinschaft erlebe ich im Gottesdienst im Gebetskreis und bei anderen christlichen Veranstaltungen ganz anders als allein vor dem Fernseher oder im Internet. Ich sehe Fernsehen und Internet hier wie das Medium Buch. Wenn ich ein Buch lese, bin ich auch allein. Fernsehen kann jedoch Kirchenferne, Distanzierte, kann alle erreichen. Christliches Fernsehen ist die Einladung zum Gottesdienst, zur Gemeinschaft.

Wie ein Topmanager Christ wurde

Idea: Und wie sind Sie selbst Christ geworden?

Rentrop: Ich hatte nach meiner Konfirmation mit Kirche und Bibel so gut wie nichts mehr zu tun. Vor acht Jahren war ich zu einer Fernsehrunde in Baden- Baden eingeladen. Abends im Hotel öffnete ich die Schublade meines Nachttisches und sah dort eine Bibel, die der Gideonbund üblicherweise dort auslegt. Und dann tat ich etwas, was ich lange nicht mehr getan hatte: Ich las in der Bibel, entdeckte, daß sie mir eine Menge zu sagen hat, und habe seit dem jeden Tag in diesem Buch der Bücher gelesen. Zwei Jahre später fühlte ich mich dann bei der Evangelisation „ProChrist“ von der Ansprache von Billy Graham 1993 in Essen direkt angesprochen. Ich bin nach vorne gegangen und habe mich dazu bekannt, Christ sein zu wollen.

Nach der Bekehrung: Krise auf Krise

Idea: Und was haben Sie für Erfahrungen gemacht?

Rentrop: Daß Gott ganz konkret führt. Ich habe z.B. mehrfach erlebt, wenn ich vor dem Einschlafen im Gebet ein bestimmtes Problem angesprochen habe, daß mir dann am nächsten Morgen eine Bibelstelle Zuversicht oder ganz neue Wege aufzeigte.

Idea: Und es gab keine Krisen?

Rentrop: Und ob! Nach meiner Entscheidung gab es erst einmal eine große Krise nach der anderen. Zuerst wurde ich von einem Konkurrenzunternehmen mit einer totalen Falschbehauptung in schweren Verruf gebracht.

Idea: Und wie haben Sie reagiert?

Rentrop: Früher hätte ich sofort mit allen Mitteln „zurückgeschossen“. Doch nun wußte ich ja aus meiner Bibellektüre, daß dies nicht richtig ist. In Gedanken vergab ich dem Konkurrenten, habe mit ihm innerlich Frieden gemacht und ein paarmal sogar für ihn gebetet.

Die Mitte des Lebens als Chance

Idea: Und dabei blieb es?

Rentrop: Ohne unser Zutun wurde der Chef des Konkurrenzunternehrnens, der meine Mitarbeiter und mich so übel angeschossen hatte, fristlos abberufen. Kurze Zeit später – 1997 – wurde ich 40 Jahre alt. Es war mein schwierigster Geburtstag überhaupt, kam ich doch voll in alle Überlegungen zur Mitte des Lebens. Mir war da eine große Hilfe der Besuch des Glaubenskongresses von „Campus für Christus“, die Explo 1997 in Basel, wo mir nach einer Bibelarbeit über die Begegnung Jesu mit Maria und Martha (Lukas 10) deutlich wurde, was jetzt für mich dran ist: auf Gott zu hören. Eine weitere wichtige Hilfe war nur das Buch von Anselm Grün, „Lebensmitte als geistliche Aufgabe“. Sein Fazit: „Gott rüttelt dich in der Lebensmitte noch einmal wach, damit du Gelegenheit erhältst, näher zu ihm zu kommen.“ Ich erkannte, daß mir der Erfolg, von dem ich verwöhnt war, nicht alles ist, keine Erfüllung bringt. Im Gegenteil. Er führt zu noch mehr Streß, Neid, Konflikten und einer großen Menge Einsamkeit. Ich beschloß, in der zweiten Hälfte meines Lebens ganz Gott in den Mittelpunkt zu stellen.

Idea: Wir danken für das Gespräch.