Der Verlag Norman Rentrop hat sich die publizistische Beratung von Unternehmern zur Aufgabe gemacht, und das mit mittlerweile 60 Fachtiteln. Teil der Serie: „Die heimlichen Riesen. Fachverlage im Porträt“.

MediumMagazin 8/1998

Wer das Hauptgebäude des Verlages Norman Rentrop in Bonn-Bad Godesberg betritt, den weist ein Schild sofort auf die Unternehmensphilosophie des siebtgrößten deutschen Fach- und Wissenschaftsverlags hin: „Ziel ist die publizistische Beratung selbständiger Unternehmer und aller, die unternehmerische Verantwortung tragen, bei der Erreichung ihrer Lebensziele.“ Ein zweifellos hoher Anspruch – doch die Biographie von Verleger Norman Rentrop (40) zeigt, wie das in der Praxis erfolgreich funktioniert. Noch nicht ganz volljährig, gründete er 1975 den Verlag Norman Rentrop. Die Anregung für die Fachzeitschrift Die Geschäftsidee – das Erstgeborene ist bis heute das Flaggschiff des Verlags – erhielt Rentrop als Austauschschüler in England. Heute umfaßt die Produktpalette 59 Periodika, die sich auf die Bereiche Loseblatt-Zeitschriften, Fach- und Brancheninformationsdienste und Wirtschaftsmagazine verteilen. Im Geschäftsjahr 1997 erzielte der Verlag Norman Rentrop einen Umsatz von 162 Millionen Mark. Von den weltweit 600 Mitarbeitern sind 220 in Bonn beschäftigt – darunter rund 30 Auszubildende und 12 Volontäre. Durch Kooperationen ist der Verlag auch im Ausland engagiert: Das Beratungskonzept wird in die USA, die Türkei, nach Polen, Rumänien und Frankreich exportiert.

Arbeiten im Profitcenter. Eine Besonderheit des Verlags: Schon 1988 richtete Rentrop Profitcenter ein – zur damaligen Zeit eine Pioniertat. Knapp 20 Profitcenter-Leiter entscheiden eigenverantwortlich über alle kaufmännischen Fragen, die das ihnen zugeteilte Verlagsprodukt betreffen. Einmal im Monat treffen sie sich mit den jeweiligen Chefredakteuren: Der Austausch dient dazu, Marketing und Journalismus zusammenzuführen. Joachim Müller beispielsweise betreut als Profitcenter-Leiter unter anderem die Loseblattwerke Stil & Etikette und Der Redenberater, sowie den Fachinformationsdienst Kindergarten & Hort.

Eine weitere Besonderheit: Die Chefredakteure bestimmen selbst über Arbeitszeit und Arbeitsort, was für ein ebenso entspanntes wie produktives Klima sorgt – viele arbeiten von anderen Orten aus, sei es Mallorca, Hamburg oder Zürich.

Welche Anforderungen werden im Verlag Norman Rentrop an die Mitarbeiter gestellt? Joachim Müller bringt es auf den Punkt: „Unsere Fachjournalisten müssen unter Verzicht auf Fachtermini komplizierte Sachverhalte verständlich machen.“ Ein Verlagsprodukt wie Der Immobilien-Berater richtet sich zwar an ein Fachpublikum interessierter Laien, aber eben nicht in erster Linie an ausgewiesene Fachleute. Bei Rentrop wird hoher Wert auf eine extrem gründliche Recherchearbeit gelegt. „Ein Abrutschen in Bequemlichkeiten wie die Übernahme von Pressemeldungen dürfen sich unsere Journalisten nicht erlauben. Wir bieten Informationen über das Übliche hinaus“, erklärt Müller. Die Leserinnen des Sekretärinnen-Handbuchs erhalten nicht nur das Fachwissen: Auf Regionen bezogene Gehaltsumfragen unter Kolleginnen beispielsweise ermöglichen es ihnen zu ermitteln, ob sie über den Konferenztisch gezogen werden.

Enger Kontakt zu den Lesern. Der Schlüssel zum erfolgreichen Fachjournalismus liegt vor allem im regelmäßigen Kontakt mit der Zielgruppe. Mehrmals im Jahr finden Abonnententreffen in ganz Deutschland statt, die den Lesern Gelegenheit bieten, ihre Wünsche an die Chefredakteure heranzutragen. In einem stetigen Prozeß der Produktoptimierung läßt sich somit ergründen, welche Themen der Leser und Kunde bevorzugt, aber auch, ob ein bestimmter Bereich auf wenig Interesse stößt. Zudem ist beispielsweise die Chefredaktion der Geschäftsidee mit wöchentlichen telefonischen Redaktionssprechstunden stets ansprechbar.

Michael Jansen, Chefredakteur der Geschäftsidee, verdeutlicht, was den Fachjournalismus als Beratungsjournalismus vom Magazinjournalismus grundlegend unterscheidet: „Der Fachjournalist muß Experte in dem Sinn sein, daß er jederzeit weiß, wo er nachzuschlagen hat, um eine tiefergehende Leserfrage beantworten zu können. Der Leser muß das Gefühl haben, nicht allein gelassen zu werden, und gegebenenfalls am nächsten Tag die gewünschte Auskunft erhalten.“

Ausbildung in eigener Regie. Großes Gewicht mißt der Verlag Norman Rentrop der innerbetrieblichen Weiterbildung bei. Kompetenz muß sich der Fachjournalist kontinuierlich erarbeiten. Zu diesem Zweck wurde 1995 die Rentrop-Akademie gegründet. In jedem Jahr werden zehn bis 12 mehrtägige Seminare angeboten, um die Mitarbeiter – ob Chefredakteur oder Volontär – zu schulen. Michael Jansen verweist auf die schnellen Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Verlags: „Bei uns befindet sich der Volontär in Ausbildung zum Chefredakteur.“ Unter den Informationsdiensten gibt es sehr spezialisierte Titel, die von einer einzigen Person betreut werden. Auch wer von außen an den Verlag herantritt, kann mit einer überzeugenden Idee, für die er als „Macher“ – ein Lieblingswort von Norman Rentrop – einsteht, quasi über Nacht zum Chefredakteur werden. Die Chefredakteure suchen eigenständig nach Fachautoren und schaffen sich ein Mitarbeiternetz aus der jeweiligen Szene heraus – ob es um Sozialversicherungsfragen oder PC-Pannenbehebung geht. Für jeden Titel schreiben zwischen zehn und 20 feste Freie.

Die Verleger pfeifen es von den Dächern: Hervorragende Fachjournalisten sind rar. Da Not bekanntlich erfinderisch macht, wird der Verlag Norman Rentrop ab 1. Januar nächsten Jahres die Ausbildung seiner Fachjournalisten in die eigene Hand nehmen: Die Gründung der „Bonner Journalisten-Akademie“ könnte Vorbild für andere Fachverlage sein. Die Bewerbungsfrist für Interessenten, die bevorzugt ein wirtschaftswissenschaftliches Studium abgeschlossen haben sollten, endet am 30. September. Die Akademie wird zunächst vier bis fünf vielversprechende Talente aufnehmen, ab 1. Juli 1999 noch einmal die gleiche Zahl – insgesamt denkt man an maximal 15 bis 20 Personen, die sich gleichzeitig in der Ausbildung befinden. In das zweijährige Programm werden Auslandsaufenthalte und Praktika in Unternehmen integriert sein. Joachim Müller spricht von einer „sehr harten“ Ausbildung, die die Fachjournalisten in spe erwarten wird. „Wir bilden an der Bonner Journalisten-Akademie die Fachleute aus, die der Markt nicht hergibt. Viele fühlen sich berufen, wenige sind geeignet.“ Als Beispiel nennt Müller eine Stellenausschreibung, auf die 100 Bewerbungen ins Haus flatterten, von denen lediglich drei ein näheres Hinsehen lohnten. „Der Fachjournalist muß sehr kurz und präzise schreiben können. Viele Bewerber schicken hervorragende längere Beiträge, können aber Informationen nicht auf den Punkt bringen.“

Goldenes Zeitalter. Wie kann sich der Fachjournalismus aus seiner oft stiefmütterlichen Wertschätzung innerhalb der Zunft und bei ambitionierten Nachwuchsjournalisten befreien? Geschäftsidee-Chefredakteur Michael Jansen hegt keinen Zweifel, daß die Stunde der Gerechtigkeit naht: „Der Fachjournalismus hat ein großes Potential. Die Bedeutung der Newsletter, von denen es in den USA heute bereits 20 000, in Deutschland aber erst 500 gibt, wird zunehmen. Immer mehr Kunden und Leser werden sich von zu Hause aus informieren.“ Dabei seien die Fachjournalisten viel näher am eigentlichen Journalismus dran: „Sie müssen nicht nur helikoptermäßig den Überblick der Zusammenhänge haben, sondern sich in die Tiefe begeben. Dazu gehört eine gewisse Wadenbeißer-Mentalität.“

Außerdem: Die Neuen Medien werden dem Fachjournalismus ein goldenes Zeitalter bescheren. Da sei geistige Beweglichkeit gefragt, sagt Michael Jansen. Der Fachjournalist müsse sein Wissen und die von ihm erarbeiteten Rechercheergebnisse in verschiedenen Formen an den Leser weitergeben. Dem Multimedialen Verhalten der einzelnen Zielgruppen könne nur dann Rechnung getragen werden, wenn die Bedürfnisse rechtzeitig erkannt werden. Ob der Leser, sprich Kunde, die Informationen per Zeitschrift, Internet, CD-ROM oder auf Fax-Abruf erhält, sei im Grunde genommen sekundär.