Artikel über Norman Rentrop aus den Anfangszeiten des Verlags.

Max Wermeyer, Wolfgang Zint

Es gibt Leute, die haben gute Ideen, auch welche, die haben gute Geschäftsideen, aber es gibt zur Zeit nur einen in Deutschland, der diese produziert. Diesen „Unternehmer-Macher“ wollten wir kennenlernen und auch unseren Lesern vorstellen.

Im zarten Alter von 16 Jahren hat ein gewisser Norman Rentrop schon erste schlechte Erfahrungen mit dem Geschäftsleben machen müssen. Heute – 10 Jahre später – kann er einen Betrieb mit mittlerweile 70 Mitarbeitern sein eigen nennen. Es ist unschwer zu erkennen, daß sich in diesem Zeitraum eine Menge getan hat. Sein Geld verdient Norman Rentrop mit Geschäftsideen, genauer, mit der Zeitschrift „Die Geschäftsidee“. Von Experten geschätzter Jahresumsatz: 7 Millionen Mark!

Seinen Hauptsitz hat der Norman Rentrop-Verlag in Bonn-Bad Godesberg, Theodor-Heuss-Str. 4. Von außen ein unscheinbares Gebäude, innendrin aber scheint jeder etwas zu tun zu haben. „Guten Tag, wir waren mit Herrn Rentrop verabredet.“

„Herr Rentrop ist leider in einer Konferenz – Kaffee oder Tee? Bitte, nehmen Sie doch so lange Platz – wir haben leider nur Plastikbecher, bei uns hat keiner Zeit zum Spülen!“

Eigentlich ein sehr netter, lockerer Empfang. Wir brauchen nicht lange zu warten bis der Chef kommt. Nach der üblichen Bekanntmachungszeremonie, ein erster Eindruck: er ist ein wenig fülliger, als auf den Pressefotos, zudem nett lächelnd, sympathisch und sehr selbstsicher.

Sein Büro hat den üblichen Chefsessel-Standard, hell und freundlich. Die Rentrop-Mitarbeiter sind alle sehr salopp gekleidet (er auch) – von Krawatten keine Spur, den einzigen Aktenkoffer hatten wir. Unter diesen Voraussetzungen nun die erste Frage natürlich nach den Anfängen seiner Karriere.

Norman Rentrop: Das find eigentlich alles 73/74 an. Ich war damals bei der Bonner Rundschau als Lokalreporter tätig. Zu der Zeit war es noch so, daß man sich mit Anzeigenblättern eine goldene Nase verdienen konnte. Mit einem Partner wollte ich im Raum Meckenheim-Rheinbach so auch ein Anzeigenblatt aufmachen. Uns erschien der Raum deshalb so interessant, weil dort keine spezielle Tageszeitung bestand. Ich machte die Null-Nummer, mein Partner die Anzeigenakquisition. Schüler, Studenten, Hausfrauen und Rentner sollten das Blättchen dann einmal die Woche verteilen. Da erfuhr ich vom Herausgeber des Bonner Generalanzeigers, daß der zum großen Gegenschlag ausholen wollte. Mit einem Discount-Anzeigenblatt wollte er die gesamte Konkurrenz abhängen. Als wir das dann erfuhren, bekamen wir kalte Füße und haben es dann doch nicht gemacht. Wir hatten etwa 20.000 Mark investiert.

Das Erste, was ich danach machte, war eine Prospektverteilagentur, aber weil das nichts auf Dauer war, dachte ich darüber nach, was man eigentlich noch machen könnte. Auf dieser Suche stieß ich dann auf amerikanische Zeitschriften und in diesen Zeitschriften fand ich ein paar ganz interessante Anregungen und vor allem auch die Anregung, so eine Zeitschrift in Deutschland zu machen, die anderen Leuten hilft, sich selbständig zu machen.

Kommen die Ideen Ihrer Zeitschrift auch heute noch hauptsächlich aus den USA?

N.R.: Das ist nur ein Gerücht, daß uns immer noch nachhängt. Wir veröffentlichen 90% deutsche Geschäftsideen.

Aber ist es nicht sinnvoll, ausländische Ideen zu adaptieren?

N.R.: Richtig, den Grundgedanken, der dahintersteckt, nennen wir das Konzept der innovativen Imitation. Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten, sich selbständig zu machen: Entweder ich imitiere etwas oder aber ich erfinde etwas komplett Neues. Die genialen Erfindungen kommen aber meistens zu früh oder zu spät, sie werden falsch vermarktet, falsch finanziert usw. All diese Risiken, die eine Innovation beinhalten, vermeide ich natürlich, wenn ich etwas kopiere.

Aber das Risiko in Ihrem Falle war ja, daß diese Zeitschriften bisher nur in den USA existierten!

N.R.: Richtig, das Risiko ist: Sind die Märkte gleichartig? Es kam darauf an, ein schon bewährtes Unternehmenskonzept in einen neuen Markt zu übertragen.

Sie verpflichten Ihre Abonnenten dazu, daß diese Ihre Geschäftsideen nicht im Großraum Bonn verwenden. Ist das juristisch haltbar?

N.R.: Ja!

Ist es denn überhaupt zu kontrollieren?

N.R.: Das ist unser Problem.

Nun eine Frage zum Nachdruck Ihrer Ideen. Gibt es einen Fall, der Sie besonders verärgert hat?

N.R.: Einmal besaß der „Stern“ die Forschheit, 20 unserer Ideen zu veröffentlichen und hat es noch nicht mal geschafft, eine vernünftige Quellenangabe zu machen. Leider haben wir in Deutschland die Situation, daß Geschäftsideen nicht schützbar sind, anders als technische Ideen.

Haben Sie in dem Zusammenhang Angst vor Konkurrenz – jemand könnte doch das Konzept Ihrer „Geschäftsidee“ aufgreifen?

N.R.: Versuche gibt es jeden Monat. Es scheitert meistens am Know-how, den ganzen technischen Apparat aufzubauen. „Die Geschäftsidee“ hat inzwischen Auslandsausgaben in Frankreich, Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz. Außerdem Büros in London und in New York. Da hat natürlich jemand, der nur in Deutschland anfängt, zunächst mal Schwierigkeiten.

Was zeichnet, Ihrer Meinung nach, heute einen Unternehmer aus bzw. welche Voraussetzungen sollte man unbedingt mitbringen?

N.R.: Etwas, was ich für sehr wichtig halte, das ist die Lernfähigkeit! Irgendwo gibt es dieses Denken, man müßte um Unternehmer zu werden, lange Erfahrung haben. Für mich ist das Entscheidende die Lernfähigkeit, d.h. einen Fehler niemals zweimal zu machen. Man braucht diesen Blick fürs Wesentliche – Erfahrung kann man sich aneignen, Lernfähigkeit muß man einfach mitbringen.

Gibt es eine „neue“ Jungunternehmergeneration?

N.R.: Nachdem in den 50er, 60er und 70er Jahren mehr und mehr Großunternehmen entstanden, Riesenorganisationen, wo der Einzelne zum kleinen Rädchen wurde, setzt heute einfach ein Gegenpendel ein.

Aber wie ist es dann zu erklären, daß im beispielhaft fortschrittlichen Japan die Unternehmen immer größer werden?

N.R.: Bei dem Vergleich mit Japan habe ich immer das Gefühl, daß durch diese Riesenentfernung Dinge sehr vereinfacht werden. Dort sind Großunternehmen deshalb so sehr viel mehr, weil Mitarbeiter durch ein ausgeklügeltes Bonussystem mitpartizipieren am Erfolg, oder auch am Mißerfolg. In Japan hatten die Kapitalgeber auch nie die Stellung wie die in Deutschland. Nicht das Kapital ist das Wichtigste, sondern allen Arbeit zu verschaffen.
In Deutschland ist es heute so, daß die Leute nicht nur das sehen wollen, was sie in den Computer reintippen, sondern auch das, was rauskommt – ihnen fehlte bisher dieser Blick fürs Ganze, oder Holistische!

Ist unter diesem Aspekt auch die ganze Entwicklung im sogenannten alternativen Bereich zu sehen? Hängt das auch mit diesem „Raus aus der Maschinerie“ zusammen?

N.R.: Ich halte die alternative Bewegung für ein deutliches Zeichen dafür, daß es eine ganze Menge Energien gibt, die im bestehenden, d.h. eingebettet im Großunternehmen einfach nicht befriedigt werden. Es gibt eben Leute, die bereit sind, in die Hände zu spucken und die gar nicht mal die 35 Stunden-Woche oder mit 58 in die Rente für erstrebenswert halten. Es gibt irgendwie ein ganz anderes Gefühl der Selbstbestimmung, das Gefühl, nicht von anderen abhängig zu sein, sondern von mir und meiner eigenen Leistung.

Ist das aber realistisch möglich, nicht von anderen abhängig zu sein?

N.R.: Es ist ja immer die Frage, wie empfinde ich Abhängigkeit. Früher habe ich im Verteidigungsministerium gearbeitet – für „Bundeswehr Aktuell“. Dort ist es üblich, daß 5-7 Leute an einem Schriftstück mitabzeichnen, damit, wenn’s schiefgeht, nur ja nicht ein einzelner die Verantwortung trägt. Natürlich bin ich heute auch in einer Abhängigkeit – ich habe für 70 Mitarbeiter zu sorgen, muß mich gegenüber dem Finanzamt verantworten usw. – aber ich empfinde es anders. Und vielleicht geht es heute vielen Menschen auch so, daß sie sagen: das ist eine Sache, wo ich mehr selbst bestimmen kann – nicht 100% aber mehr!

Hat denn heute wirklich jeder noch eine reelle Chance, Unternehmer zu werden?

N.R.: Ja!

Aber meinen Sie nicht, daß sie mit der „Geschäftsidee“ zuviel Optimismus verbreiten, daß Sie den Leuten den Mund zu wässrig machen?

N.R.: Die Sache ist so! Die Leute, die sich selbständig machen wollen – und ich führe pro Woche 20-30 Gespräche – sind keine Phantasten, sie weisen ein hohes Maß von Realismus auf. Sie sagen sich auch: es gibt ja Leute, die es geschafft haben, und das ist ja der Beweis. Das sind keine Phantasiegestalten, sondern Leute, die man auch anrufen kann.
Oftmals stelle ich auch fest, daß das, was ich mache, auch so ein bißchen Mut machen, Mut geben ist. Die Zahl der Unternehmensgründungen ist ja heute im Steigen, weil die Rahmenbedingungen für Existenzgründer so gemacht worden sind, daß wieder Mut gemacht werden kann.

Gibt es eigentlich auch den Fall, daß Leute die es geschafft haben, mal bei Ihnen vorbeikommen, Ihnen die Hand schütteln oder eine Flasche Sekt mitbringen?

N.R.: Leider zu wenig. Das liegt aber nicht unbedingt daran, daß wir zu wenig Leute haben, die es geschafft haben, sondern die haben meistens keine Zeit dazu. Unternehmensgründung ist ja eine Sache, die einen für 2-5 Jahre voll in Anspruch nimmt. Wir machen zwar tausende von Anstrengungen, die Leute ausfindig zu machen, aber wir können eben keinen dazu verpflichten.

Passiert es denn im umgekehrten Fall?

N.R.: Viel mehr! Dafür haben wir ja auch unsere Beratungsstunden eingerichtet.

Herr Rentrop, vorhin haben Sie schon kurz die 35 Stunden-Woche erwähnt. Wie ist Ihre Meinung dazu?

N.R.: Ich sehe die Sache so: ich arbeite sowieso 70 Stunden. Bisher war mein Vorteil rein rechnerisch, gegenüber einem der 40 Stunden arbeitet, das 1,75fache, dann würde es das 2,0fache sein. Es ist ja das Interessante, daß der, der sich selbständig machen will, mehr tun will. Das sind alles Realisten. Wenn man dann vorgeschrieben bekommt, daß man nur noch 35 Stunden arbeiten darf, suchen alle nach einer interessanten Nebentätigkeit.

War die politische „Wende“ überhaupt irgendwo von Bedeutung?

N.R.: Eine gute Frage! Besonders, weil ich gerade einen Kommentar darüber schreibe: „Was hat die „Wende“ eigentlich gebracht?“ mit dem Resümee, daß sie nichts an handfesten Ergebnissen gebracht hat. Ein paar steuerliche Erleichterungen – nichts weltbewegendes: Etwas viel wichtigeres, daß mit der politischen Wende aber nur indirekt zu tun hat, ist der Einstellungswandel, der in der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden hat.

Einstellungswandel inwiefern?

N.R.: In Richtung Unternehmertum, daß Unternehmer nicht mehr als Ausbeuter verteufelt werden, sondern daß die unternehmerische Leistung wieder anerkannt wird, daß Privatinitiative wieder gefragt ist.

Jetzt waren wir schon 1 ½ Stunden hier und der Meinung, daß ein paar persönliche Fragen zum Menschen Norman Rentrop an der Zeit wären.
Als erstes interessierte uns sein Verhältnis zur Arbeit:
Herr Rentrop, arbeiten Sie eigentlich darauf hin, irgendwann mal nicht mehr5 arbeiten zu müssen?

N.R.: Was soll ich denn dann tun?
Aber ich frag mich das natürlich selbst oft, da ich ja ein reflektierender Mensch bin, mich zumindest dafür halte. Doch wenn ich wach bin, denke ich – das läßt sich nicht abschalten, und das finde ich auch schön. Ich fahre aber auch oft in Urlaub, nur, wenn ich im Urlaub bin, dann lese ich Zeitung, halte die Augen und Ohren offen und denke nach.

Daß das bei Norman Rentrop wirklich in jeder Lebenslage der Fall ist, bekamen wir zu spüren. Im Laufe des Interviews fragte er uns beiläufig, ob wir schon mal was vom amerikanischen „Food-By-Phone“ gehört hätten, ein Service, der die Pizza, die Hamburger oder ähnlich leckere Sachen, mittels Telefonanruf ins Haus kommen läßt. Wir konnten damit dienen (in Mülheim gibt es sowas wie ein Pizza-Taxi), und siehe da, aufgrund unseres Wissens konnten wir für kurze Zeit den Menschen Norman Rentrop vergessen – der Geschäftsmann Norman Rentrop griff zum Telefon: „Frau Lauer, können Sie bitte mal kurz kommen.“ Eine turnschuhbestiefelte, und auch sonst äußerst lässig gekleidete Frau mittleren Alters betrat den Raum.

Sie bearbeitete wohl die Sache und fragte nach genauen Adressen. Leider konnten wir damit nicht dienen, versprachen aber, uns zu erkundigen. Ende dieses kurzen, aber aufschlußreichen Intermezzos – weiter geht’s mit Fragen zur Person:
Gibt es etwas, was Sie lieber wären, als das, was Sie heute sind?

N.R.: Nein!

Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben, was Sie aus der Bahn werfen könnte?

N.R.: Klar, wenn die Russen kommen! Also Russen als Inbegriff eines totalitären Systems, wo eben die Freiheit, die für mich auch mit wirtschaftlicher Freiheit verbunden ist, nicht praktikabel ist.

Wie ist „Die Geschäftsidee“ aufgebaut?

„Die Geschäftsidee“ erscheint alle zwei Monate und ist nur im Abonnement erhältlich. Sie kostet pro Stück 30,- DM, enthält kurze Tips, aktuelle Trends, sie stellt neue Produkte vor und kann vor allen Dingen mit ausgeklügelten Konzepten zur Unternehmensgründung aufwarten. Diese Konzepte haben zur Zeit einen Umfang von 20-30 Seiten, eignen sich aber schlecht zum Nachdruck bzw. zum Raubkopieren. Versuche gibt es zwar immer wieder, diese werden aber aus o.g. Gründen im Hause Rentrop nicht sehr gefürchtet; ärgerlich ist es nur prinzipiell. Die Konzepte gliedern sich wie folgt:

1. Eine Kurzbeschreibung des Konzeptes:
a) Startkapital
b) Höchster Gewinn vor Steuern
c) Wachstumspotential
d) Marktlage
e) Risikopunkte

2. Längere Textbeiträge innerhalb des Konzeptes
– Marktchancen
– Gewinnaussichten
– Unternehmensaufbau
– Beispiel einer Jahreskalkulation
sowie weitere unternehmensspezifische Punkte

Im folgenden einige Beispiele von Geschäftsideen, die bei Rentrop publiziert wurden:
Rollschuh-Center, Natursaftladen, Partyservice, Stadt Sport-Zeitschrift, Bräunungsstudio, Nagel- und Wimpernstudio, Lese- und Rechtschreibetraining, Dachrinnenreinigung und und und …

Es sei zu bemerken, daß all diese Ideen nicht vom Norman Rentrop-Verlag stammen; er sieht seine Aufgabe nur darin, schon vorhandenes zu kopieren und in einen neuen Markt zu übertragen – wie schon erwähnt, ist dies das Konzept der innovativen Imitation. Außer dem Objekt „Geschäftsidee“ werden bei Rentrop auch noch weitere Produkte verlegt, als da wären:

– Praktiker Bibliothek „Der Gründungsplaner“ mit über 70 verschiedenen Marktstudien und lukrative Kleinunternehmen.
– Das Loseblattwerk „Der Erfolgsberater“, Praktikerhandbuch für den erfolgreichen Aufbau eines Unternehmens.
– Spezialreporte in Buchform zu Spezialfragen der Existenzgründung.

Für die mittlerweile 20.000 Abonnenten hat der Verlag außerdem einen zusätzlichen Service in Form von Beratungsstunden, die zweimal in der Woche stattfinden. Telefonisch oder auch persönlich können sich alle Leser individuell beraten lassen.