Fortsetzung zu „Im Augenblick leben“ (Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral) von Heinrich Böll

Karl Darscheid

Jahre später besucht der Tourist wieder den kleinen Hafen am Meer, um Ferienerinnerungen aufzufrischen und Geschäftliches einzufädeln. Die gleichen Häuser, die gleichen Kneipen, die gleichen Fischer, die in der Sonne dösen.

Nichts scheint anders. Und dennoch: Kaum sichtbare Trostlosigkeit, wo früher verschlafener Charme das Herz öffnete. Keine verträumte Romantik, dafür abblätternde Farbe an Gebäuden, vernachlässigte Bänke entlang der Hafenpromenade, vergessene Laternen, zerstört von Menschenhand oder Witterung.

Der Tourist lässt den Fotoapparat in seiner Umhängetasche und nähert sich einem der schlafenden Fischer, immer noch mit jenem schlecht messbaren Zuviel eilfertiger Höflichkeit, das durch kaum verhüllte Neugierde noch peinlicher gerät.

Den Fischer, der nicht eingeschlafen ist, sondern im Sand liegt, stört das nicht. Es ist derselbe von damals, der einmal gesagt hat, er fühle sich großartig, weil er die Schönheiten dieser Welt genießen könne, ohne dafür viel zu arbeiten.

Neben ihm im Sand eine halbleere Flasche, wirr die Haare, starr sein Gesicht, fahrig die Bewegungen. Er schnappt nach der angebotenen Zigarette und blickt dabei den Touristen nicht an.

„Wir haben uns schon einmal unterhalten“, beginnt der ein Gespräch, um mehr zu erfahren.

„So.“ Gierig zieht der Fischer an der Zigarette. Rasch verwandelt sich die Glut in Asche.

„Vor vielen Jahren, an einem herrlichen Sommertag.“

Schweigen, Gleichgültigkeit. Die zittrige Hand ertastet die Flasche.

„Damals waren Sie glücklich, Sie fühlten sich phantastisch“, sucht der Tourist nach Anknüpfungspunkten. Seine Worte kommen nicht an.

„Fahren Sie noch hinaus?“

„Was?“

„Ich meine, fischen Sie noch?“

„Nein.“

„Warum nicht?“ Gemächlich setzt sich der Tourist auf ein umgestülptes Fischerboot, das schon lange nicht mehr benutzt wird.

„Zu alt, ich kann mich kaum bewegen, will auch nicht.“

„Und wovon leben Sie?“

„Manchmal werfen mir Touristen ein paar Münzen zu. Der Pfarrer gibt mir Brot“, antwortet der Fischer und weist auf die kleine Kirche des Hafenstädtchens, deren blechernes Geläut so etwas wie Abendstimmung verbreiten will.

„Und wo schlafen Sie, wo wohnen Sie?“

„Hier“, antwortet gleichgültig der Fischer und deutet einen vagen Kreis an.

„Ihre Kollegen, die anderen Fischer, helfen die Ihnen denn nicht?“

„Sie fangen am Tag immer noch vier Hummer und zwölf Makrelen. Davon werden sie satt, zu mehr reicht es nicht.“

„Aber die anderen Leute im Hafen?“

„Sind wie die Fischer und wollen in der Sonne dösen.“

„Sie haben doch Kinder, was ist mit denen?“ Die Fragen des Touristen werden drängender.

„Aus der Art geschlagen, sie arbeiten und haben die Stadt verlassen.“

„Und Ihre Frau?“

„Auch weg.“

„Keine Ersparnisse?“ Verächtlich spuckt der Fischer in den Sand. „Gibt es denn keine Arbeit hier und keine Leute, die etwas aus sich machen wollen?“

„Nein, wo doch jeder nur einmal am Tag seinen Teller füllen will.“

„Auch keine staatlichen Stellen, die fürsorgen?“

„Wovon denn? Krabbenschwänze werden gegessen und nicht in Staatskassen eingezahlt. Wie soll denn der Staat so an Geld kommen?“

„Aber wie schafft es der Pfarrer, Ihnen manchmal Essen zu geben?“

Zum ersten Mal kommt so etwas wie Bewegung in das Gesicht des Fischers, ein wenig Geringschätzung drückt es aus.

„Der Pfarrer“, sagt er, „bekommt Geld aus Ländern von Leuten, die arbeiten und einen Teil des verdienten Geldes abgeben.“

Aber der Tourist lässt nicht locker. Wie damals ist er ganz erfüllt von seiner Mission. „Ich will hier vielleicht einen kleinen Betrieb aufmachen und brauche dazu ortskundige Helfer. Wollen Sie bei mir arbeiten, dann könnten Sie doch…?“

Müde winkt der Fischer ab.

„Wozu denn? Mein Leben lang habe ich in der Sonne gelegen, ich liege heute in der Sonne und werde auch morgen in der Sonne liegen.“

Voller Spannung hört der Tourist zu. Fast die gleichen Worte wie vor zehn Jahren, die gleichen Gedanken wie damals.

„Aber fühlen Sie sich immer noch so phantastisch, so großartig wie damals? Sind Sie“, fragt er leise, „immer noch so glücklich?“

Schweigen. Mühsam dreht sich der Fischer auf die andere Seite und starrt in den Sand. Nachdenklich wendet sich der Tourist zum Gehen. Er erinnert sich an ihr erstes Gespräch. Kein Mitleid war damals zurückgeblieben, nur ein wenig Neid. Und heute…?