Das moderne Selbst überarbeitet sich durch Überfrachtung der Arbeit, die für den Arbeiter der Moderne zum einzigen Konstitutionsprinzip seiner Subjektivität, ja zum einzigen Entstehungsprinzip von Sinn überhaupt wird.

Peter Koslowski

Sinn wird für die Moderne nur noch durch Arbeit erzeugt, was bedeutet, daß es keinen Sinn und Wert gibt, der nicht von der Arbeit seinen Sinn hat. Eine solche Überfrachtung der Arbeit trägt die „Über-arbeitung“ der Arbeit, ihre Überforderung in sich. Die nihilistischen Grundlagen dieser Weltdeutung, die den Nicht-Sinn und Nicht-Wert allein durch Arbeit sinn- und wertvoll machen will, schlagen auf die überforderte Arbeit selbst zurück. Diese kann die Sinnerwartungen nicht mehr tragen und wird sinnlos. Der arbeitende Mensch als Erlöser der Welt, Erlöser seiner selbst und Erlöser Gottes wird seines Werkes unsicher. „Da befiehl sie Angst vor allem, was Menschenhände herstellen“, schreibt Clemens von Alexandrien im 3. Jahrhundert über den gnostischen Demiurgen (Demiurg = Weltschöpfer in der altgriech. Philosophie, Anm. d. Red.) und seine Helfer. Den Menschen als Erlöser der Welt durch Arbeit befällt die Angst des Demiurgen vor seinen eigenen Werken und seiner Hände Arbeit.

aus: Hoffmann/Kramer (Hg.) Arbeit ohne Sinn? Sinn ohne Arbeit? (1994)

Prof. Dr. Peter Koslowski

wurde 1952 geboren. Er studierte Philosophie, Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Deutschland und den USA. Koslowski war von 1985 bis 1987 Professor und Leiter des Instituts für Philosophie und Studium fundamentale der Universität Witten/ Herdecke. Seit 1987 ist er Gründungsdirektor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover, einer kirchlichen Stiftung des öffentlichen Rechts.