David, der Riese Goliath – und der Traum von einer anderen Gemeinde.

Dr. Klaus Douglass von der Andreasgemeinde

1. Samuel 17, 4-11
Da trat aus den Reihen der Philister ein Riese heraus mit Namen Goliath aus Gat, sechs Ellen und eine Handbreit groß. Der hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupt und einen Schuppenpanzer an, und das Gewicht seines Panzers war fünftausend Lot Erz, und hatte eherne Schienen an seinen Beinen und einen ehernen Wurfspieß auf seiner Schulter. Und der Schaft seines Spießes war wie ein Weberbaum, und die eiserne Spitze seines Spießes wog sechshundert Lot, und sein Schildträger ging vor ihm her. Und er stellte sich hin und rief dem Heer Israels zu: Was seid ihr ausgezogen, euch zum Kampf zu rüsten? Bin ich nicht ein Philister und ihr Sauls Knechte? Erwählt einen unter euch, der zu mir herabkommen soll. Vermag er gegen mich zu kämpfen und erschlägt er mich, so wollen wir eure Knechte sein; vermag ich aber über ihn zu siegen und erschlage ich ihn, so sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen. Und der Philister sprach: Ich habe heute dem Heere Israels hohngesprochen, als ich sagte: Gebt mir einen Mann und laßt uns miteinander kämpfen. Als Saul und ganz Israel diese Rede des Philisters hörten, entsetzten sie sich und fürchteten sich sehr.

Die meisten von Ihnen kennen die Geschichte von David und dem Riesen Goliath vermutlich von Kindheit an. Und wahrscheinlich hatten Sie eine Vorstellung davon, wie groß dieser Riese ist. Also ich habe mir diesen Riesen immer etwa so groß vorgestellt wie den Glockenturm unserer Gemeinde, mindestens zehn bis zwölf Meter hoch. Wie groß haben Sie sich ihn vorgestellt? Hat Ihnen jemals jemand gesagt, wie groß Goliath wirklich war? Sechs Ellen und eine Handbreit steht im Text, das sind umgerechnet 2,84 m. Also ein ganz schöner Turm – aber unter einem Riesen habe ich mir etwas anderes vorgestellt.

In meiner früheren Gemeinde hatte ich mal jemand in meinem Bibelkreis, der war 2,22m. Er war riesig, aber er wirkte nicht unbedingt wie ein Riese. Trotz oder gerade wegen seiner Größe wirkte er eher verletzlich, darum lautet sein Spitzname auch nicht „Goliath“, sondern „Bibo“. Kennen Sie Bibo, diesen riesigen Storch aus der Sesamstraße? Was ein Riese ist und was nicht, liegt ein ganzes Stück im Auge des Betrachters. Vielleicht kennen Sie aus der Geschichte „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ die Gestalt des Herrn Turtur, jenes Riesen, der um so größer erscheint, je weiter er entfernt ist. Je näher man an ihn herankommt (was sich freilich niemand traut, weil er aus der Entfernung so furchtbar riesig aussieht), desto kleiner wird seine Erscheinung – und wenn man direkt vor ihm steht, ist er nicht größer als man selbst.

Auch Riesen sind verletzlich – was vielleicht auch der Grund ist, warum Goliath sich so unglaublich eingepanzert hatte. Kurz: Er wirkte unglaublich beeindruckend. Und er gebraucht eine gewaltige Sprache. Rasselt furchtbar mit dem Säbel, imponiert, beeindruckt, schüchtert ein. Und den Israeliten rutscht das Herz in die Hose.

– Sie vergessen, daß es ihr eigenes Herz ist, daß Goliath zum Riesen macht.

– Sie vergessen, daß jeder Riese seine Schwachstelle hat.

– Und vor allem vergessen sie, daß Gott auf ihrer Seite ist und daß das, was wir als Riesen empfinden, für Gott lächerlich klein ist.

Ich glaube, jeder kennt aus seinem Leben solche Goliaths. Bei dem einen ist es der Riese „Arbeitslosigkeit“, bei dem anderen der Riese „Alkohol“. Wieder ein anderer sieht sich von Konkurrenten oder mißbilligen Menschen eingekesselt, ein anderer steht vor den Scherben seiner Ehe oder vor einer unüberwindlich groß erscheinenden Aufgabe. Und nicht selten hat dieser Riese etwas mit der Kirche zu tun, in der man arbeitet.

Ich möchte von meinem Riesen erzählen:

Als ich vor rund zehn Jahre in Niederhöchstadt anfing, wurden die Gottesdienste von vielleicht 40 Leuten besucht. „Was könnte man hier anders machen?“, habe ich mich gefragt. Das war auch der Arbeitsauftrag, den der damalige Kirchenvorstand mir seinerzeit gab: Ändern sie etwas! Sorgen Sie dafür, daß die Leute wieder in die Kirch kommen!

Was mir im Laufe der Zeit bewußt wurde: Das geht nicht nur, indem man „etwas“ ändert, sondern das ganze System, die gemeindliche und kirchliche Struktur an sich muß geändert werden. Man muß etwas völlig neues wollen (und zwar nicht nur „ein paar mehr Leute“, das wollen alle!). Und man muß es auf eine völlig andere Art und Weise präsentieren, als man bis dato gewohnt war. Und es wird nahezu täglich eine Fülle von einzelnen Schritten geben, die Kritik und erbitterten Widerstand heraufbeschwören werden. Das war – und ist bis heute – mein Riese: Diese Gemeinde und durch diese Gemeinde auch diese Kirche zu verändern.

Diese neue Gestalt von Kirche – das war mein Traum. Die alte Gestalt von Kirche – das war „mein Riese“: Die Frage war, wer stärker sein würde.

1. Samuel 17, 12-15
Und David war der jüngste; die drei ältesten aber waren Saul gefolgt. Und David ging ab und zu von Saul hinweg nach Bethlehem, um die Schafe seines Vaters zu hüten.

So kam ich mir vor damals. Ein junger Frankfurter Pastor, der irgendwo an der Seitenlinie steht und zuguckt, was die großen Jungs machen. Es sind die Kirchenpräsidenten und Pröbste und Klaus Vollmers und Bill Hybels dieser Welt, die die Kirche verändern. Verstehen Sie mich recht: Ich habe damals wie heute nicht unter einem zu geringen Selbstwertgefühl gelitten – aber angesichts dieser Größen war ich wirklich der kleine Bruder an der Seitenlinie. Das war nicht die Liga, in der ich spielte, und darum fragte ich mich: Wer bin ich? Und wenn ich etwas verändern will, ist ausgerechnet Niederhöchstädt (ein Ort, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte…) der Ort, von dem aus dies geschehen kann? Und das in einer Gemeinde, die mit damals im Dekanat als „Pfarrerabschußrampe“ vorgestellt wurde?

1. Samuel 17, 17-29

Und als Eliab, sein ältester Bruder, ihn reden hörte mit den Männern, wurde er zornig über David und sprach: Warum bist du hergekommen?

Jeder, der in der Kirche arbeitet, kennt Eliab. Eliab ist der große Bruder Davids. Eliab ist der große Entmutiger. Ich glaube, daß es keinen Kampf David gegen Goliath gibt, ohne daß einer oder gleich mehrere Leute vom Schlage Eliabs auf den Plan treten und anfangen, den gerade sich bildenden Traum Davids im Keim zu ersticken.

Ich bin überzeugt, daß jeder Mensch in seinem Leben einen mehr oder minder großen Traum hat: Einen Traum, der irgendwann einmal im eigenen Herz aufkeimte. Und irgendwann entdeckt man, daß dieser Traum auf der Strecke geblieben ist. Und man sagt: „Na ja, zu groß geträumt. Unrealistisch gewesen. Heute begnüge ich mich mit bescheideneren Zielen.“

Es sind viele Gründe, die dazu führen, daß ein Mensch seine Träume begräbt. Aber ein entscheidender Grund ist immer wieder Eliab – der große Entmutiger, der dann auf den Plan tritt, wenn man sich anschickt, etwas neues zu wagen. Und der dann zu dir sagt: „Wer bist Du, so einen Traum zu träumen?“

Eliab. Einer, dessen eigene Träume in der Regel schon zerstört sind, und der es sich deshalb zur Aufgabe gemacht hat, die Träume anderer kaputt zu machen. Eliab ist nicht der Mann, den ich als großer Bruder oder als Arbeitskollegen oder als Kirchenvorsteher haben möchte. Aber unglücklicherweise spielt Eliab im Leben jedes einzelnen von uns eine Rolle. Doch David läßt sich nicht bremsen. Er hält seinen Traum fest – und mit diesem Traum kommt er bis hin zu König Saul:

1. Samuel 17, 33-39a

Und Saul legte David seine Rüstung an und setzte ihm einen ehernen Helm auf sein Haupt und legte ihm einen Panzer an. Und David gürtete Sauls Schwert über seine Rüstung und mühte sich vergeblich, damit zu gehen; denn er hatte es noch nie versucht.

Wenn Eliab schon ein Problem für David war, so wird Saul für ihn erst recht zur Versuchung. Denn im Grunde genommen stößt Saul in das gleiche Horn wie Eliab. Auch er wiegelt ab, auch er versucht, David von seinem Plan abzuhalten, auch er ermutigt ihn nicht, Neues zu wagen. Auch er fordert David dazu auf, seinen Traum bitte eine Nummer kleiner zu träumen.

Das Versuchliche daran ist, daß er dies alles mit einer ganz anderen Haltung tut als Eliab. Während dem Eliab Neid und Mißgunst und Negativität geradezu aus den Poren tropfen, ist Saul dem David ausgesprochen wohlgesonnen. Er ist nicht der nörgelnde ältere Bruder, der David klein halten möchte, sondern er möchte wirklich und glaubhaft das Beste für David. Und merkt gar nicht, wie sehr er dabei bremst; merkt gar nicht, wie er dem David den Wind aus den Segeln nimmt. Er argumentiert nicht negativ, sondern einfühlsam, und was er sagt, macht Sinn. Jedes Wort, das er spricht, ist ausgesprochen vernünftig. Und er rechnet David vor und sagt: Schau, das kann doch gar nicht gut gehen! Und weil er so freundlich und so wohlwollend ist mit seinen guten Ratschlägen, bereitet er dem David vielleicht mehr Mühe als Eliab.

Eliabs Mißgunst kann man noch einigermaßen ignorieren. Aber was ist mit den so überaus vernünftigen Argumenten Sauls? „Wir können das Gemeindezentrum doch gar nicht erweitern, bevor wir nicht die letzte Mark sicher in der Tasche haben!“ „Wir können doch gar nicht einen zweiten Gottesdienst anbieten, wo der erste doch nicht einmal ganz voll besucht ist!“ „Wir können doch gar nicht zu regelmäßigen Spenden für einen zusätzlichen Pastor aufrufen, wenn unserer normaler Spendentopf nicht genügend gefüllt wird!“ „Müßte der Pfarrer nicht doch wenigstens dies oder jenes tun, bevor man daran denkt, daß …“ usw.

Das Problem ist: Es ist sehr vernünftig, was Saul sagt. Und Sie erinnern sich, welchen Beruf er hat: Er ist König! Ein mächtiger Mann – solche gibt es auch in der Kirche. Sie sind die idealen Kirchenvorstandsvorsitzenden und Finanzauschußmitglieder. Sie wirken sehr überzeugend, niemand kann sich ihren Argumenten gegenüber verschließen. Es sind sie nüchternen Rechner, die sehr gute Gründe dafür aufbringen, daß David mit seinen Träumen nicht so hoch greifen soll. Sie sind nicht negativ. Im Gegenteil. Sie sind sogar wohlwollend. Aber sie sind einfach realistisch und merken gar nicht, daß sie damit unabsichtlich Eliab in die Hände spielen und sagen: Hör auf, zu groß zu träumen!

Aber David läßt sich nicht abwimmeln. Und weil Saul wirklich wohlwollend ist, und auch keine besseren Alternativen aufzubieten hat, bietet er David an, ihn zu unterstützen. Und womit unterstützt er ihn? Natürlich mit dem, was er, der kriegserfahrene Mann, selbst am besten beherrscht: Er gibt ihm seine Rüstung … Und nun kommt mein Lieblingssatz aus der ganzen Geschichte:

39b: Da sprach David zu Saul: „Ich kann so nicht gehen, denn ich bin es nicht gewohnt.“ Und er legte es ab.

Darf ich es übersetzen? „Mein lieber Saul, ich danke dir für deine ernsthafte Sorge, die du dir um mich machst. Ich danke dir für deine vielen guten Ratschläge, die du mir mit auf den Weg gibst und den reichen Schatz an Erfahrungen, den du mit mir teilen willst. Nimm es mir bitte nicht übel: Ich kann so nicht gehen, denn ich bin’s nicht gewohnt. Das bin ich nicht! Du hast mit allem Recht, was du sagst, aber das bin ich nicht. Das kann ich nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob du mir dann immer noch wohlgesonnen sein wirst, wenn ich deine Ratschläge scheinbar in den Wind schlage, aber bitte, bitte, halte du nicht die Rüstung bereit, in die ich hineinpassen muß. Ich kann so nicht gehen, denn ich bin’s nicht gewohnt.“

„Ach, das kann man lernen“, sagst du. „Zu Spät, Saul. Der Riese muß jetzt erschlagen werden und ich glaube daran, daß Gott mir alles gegeben hat, was ich brauche, um dies zu tun.“ – Und er legte es ab.

40: Und David nahm seinen Stab und wählte fünf glatte Steine aus dem Bach und nahm die Schleuder und ging dem Philister entgegen.

Ein Stab, eine Schleuder und fünf Kieselsteine – das ist nicht gerade viel, um einem Riesen entgegenzutreten. Aber die Schleuder, das war seine Gabe! Die Schleuder war eine völlig unkonventionelle Waffe im Kampf gegen Riesen. Das hatte noch nie einer vorher versucht. Und vor allem war diese Waffe nun überhaupt nichts Besonderes. Es war ein völlig gebräuchliches Hirtenwerkzeug. Einfach eine simple Steinschleuder. Aber diese Steinschleuder war Davids Gabe. Und er trat dem Philister entgegen in dem Bewußtsein: Gott hat alles in mich hineingelegt, was ich brauche, um einen Riesen zu töten.

Können Sie das Glauben? Gott hat alles in Sie hineingelegt, was Sie brauchen, um Ihren persönlichen Riesen zu besiegen. Ich bin wahnsinnig gern Pfarrer meiner Gemeinde. Und doch habe ich mich manchmal gefragt: Wenn Gott möchte, daß ich diesen Job mache, warum hat er mich nicht besser dafür gerüstet? Ich habe mir in den letzten Jahren mehr als einmal die Hände auflegen lassen von Menschen und sie gebeten, mich zu sagen und mir gesagt: Ich bin nicht „tough“ genug, ich bin nicht hart genug für diese Aufgabe, eine Gemeinde durch den reißenden Strom Veränderung zu führen. Und ich habe so manches Mal gebetet: Gott, wenn du möchtest, daß ich diesen Riesen erlege, warum hast du mich nicht entsprechend konstruiert? Mit einem Dicken Fell und einer robusten Gesundheit usw.?

Und dann gab Gott mir vor ein paar Jahren die Antwort: Laß Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist Schwachen mächtig. Und ich habe dir alles mit auf den Weg gegeben, was du brauchst, um deine Aufgabe zu erfüllen. Und ich weiß noch den Tag, als ich diese Antwort bekam: Ich machte gerade einen langen Spaziergang, und plötzlich kamen mir die Tränen, denn ich hatte an meine eigene Gabe nicht mehr geglaubt.

Ich hatte mich von den Reden Eliabs verunsichern und von der Freundlichkeit und Vernünftigkeit Sauls einwickeln lassen. Ich hatte versucht, die Rüstung anderer anzuziehen und hätte darüber fast vergessen, daß Gott mich in den achtunddreißig Jahren meines bisherigen Lebens perfekt auf die Aufgabe vorbereitet hat, die vor mir liegt.

Wir haben heute rund 200 Mitarbeiter, sechs verschiedene Gottesdienstformate, viele hundert Gottesdienstbesucher…

Es ist eine unglaublich lebendige Gemeinde. Sicherlich nicht das Reich Gottes, aber das, was ich mir damals erträumt hatte, sehe ich mehr und mehr Wirklichkeit werden. Wenn Leute mich manchmal fragen, was das Geheimnis unserer Gemeinde ist, dann kann ich für meine Person nur antworten: Nichts Besonderes. Fünf Steine und eine Steinschleuder. Ach ja, und noch etwas: Einen Traum, den Gott mir – und mittlerweile auch einer Fülle von Mitträumern – ins Herz gepflanzt hat. Der Traum von einem Riesen, den es zu besiegen gibt. Ich habe mir fest vorgenommen, an diesem Traum festzuhalten.