Der Unternehmer Joachim Krieger berichtet über seine Begegnung mit George, der ehemaligen Nummer Zwei der US-amerikanischen Mafia, auf dem International Convention der Gideons in Chicago im Jahr 2000. George berichtet, wie er einen anderen Mafiosi, den Mörder seiner Frau, „rettet“, anstatt ihn zu erschießen. George mußte sich bei seinem Erzählen immer wieder unterbrechen, weil ihm Tränen übers Gesicht liefen und die Stimme versagte. Ihm, dem mehrfachen Mörder und ehemaligen Mafiaboss.

von Joachim Krieger

Ich begegnete George in Chicago. Er war etwa Mitte 60, ein Bär von einem Mann. Er erzählte uns: „Mit 13 habe ich die Schule geschmissen, lebte von da an nur noch auf der Straße. Ich schloß mich einer Straßengang an, mußte ja von irgendetwas leben. Dann kam ich Kontakt mit der Mafia. Mein Einstieg war die Prostitution. Ich bin dann aufgestiegen, in die Drogenkriminalität. Im Laufe der Zeit immer höher, bis ich schließlich der 2. Mann in der US Mafia war. Eines Tages wurde ich verhaftet, kam vor Gericht und wurde zum Tod verurteilt.“ Erzählt, für welche Tat genau, hat er nicht, er sagte nur: „I was like an animal!“ – ich war wie ein Tier!

„Dann kam ich in die Todeszelle. Eine von allen Seiten einsehbare Gitterzelle, Tag und Nacht videoüberwacht. Keinerlei Privatsphäre mehr. Man ist in der Todeszelle sehr einsam. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Zelle herauszukommen, zumindest für vielleicht eine halbe Stunde, war: ich hatte das Recht, die Bücherei zu besuchen. Allerdings waren diese Besuche eher selten, denn es mußte die gesamte Bücherei von allen anderen Gefangenen leergeräumt sein. Ich durfte keinerlei Kontakt zu anderen Gefangenen bekommen. Dann wurde ich mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt und mit einer weiteren Kette an einen Justizbeamten eng angekettet. Eines Tages komme ich in die Bücherei und sehe ein offenes Buch auf einem Tisch liegen. Ein schmuddeliges, halb zerrissenes Buch. Als ich näherkomme, sehe ich: eine Bibel von den Gideons. Im Vorbeigehen werfe ich einen Blick auf das Buch, lese ein paar Wörter, bleibe an diesem Tisch stehen, setzte mich und lese in der Bibel.

Zum ersten Mal in meinem Leben. Obwohl es so unansehnlich war. (Die Gideons verwenden alte, zerlesene, als Notizpapier mißbrauchte oder voller Kaffeeflecken verschmutzte Hotelbibeln für die Gefängnisse. Es müssen zudem noch beide Hardcover – Deckel – mit einem Messer abgeschnitten werden, damit sie ‚knickbar‘ für die Justizbeamten sind, um zu prüfen, ob auch keine Messer, Pistolen o.ä. darin versteckt sind.) Von diesem Tag an ließ ich mir immer die Bibel in der Bücherei aushändigen. Eines Tages gelang es mir, eine Bibel in meine Zelle zu schmuggeln, obwohl ich so eng angekettet an einen Aufpasser war. Man hat das natürlich ganz schnell in der Videoüberwachung bemerkt, daß ich ein Buch in der Zelle hatte. Aber weil es eine Bibel war, hat man sie mir gelassen. Jetzt konnte ich täglich in dieser Gideon-Bibel lesen! Ich habe sie verschlungen.

Nach einiger Zeit wechselte der Gouverneur des Bundesstaates, in dem ich inhaftiert war, und der Nachfolger begnadigte mich. Allerdings zu einer Anzahl von zig-Jahren, die ich nie erleben konnte. Aber wenigstens war ich raus aus der einsamen Todeszelle. Ich gründete sofort im normalen Vollzug einen Gefangenen-Bibelkreis. Jetzt konnte ich mich endlich mit anderen über meinen frischen Glauben austauschen. Aber es gab wieder einen Gouverneurswechsel und der Nachfolger hat meine Begnadigung aufgehoben. Ich saß wieder in der Todeszelle. Und unglaublich: nach einigen Jahren kam ein neuer Gouverneur, der mich wirklich begnadigt hat. Zwar mit Auflagen, aber ich war ein freier Mann und konnte das Gefängnis verlassen. Allerdings wartete die Mafia schon auf mich. Sie wollten mich unbedingt zurück. Ich lehnte ab. Aber sie erpreßten mich. Ich wußte zu viel. Ich versuchte, mit meiner Familie nach Lateinamerika zu fliehen, hatte schon 4 Flugtickets bei 4 verschiedenen Airlines für meine beiden Söhne, meine Frau und mich gekauft. Aber die Mafia hatte ihre Leute überall, erfuhr davon und kidnappte kurz vor Abflug meine Frau und meine Kinder, um mich zurückzupressen. Ich lehnte ab. Darüber wurde meine Frau umgebracht. Aber ich gab nicht nach. Schließlich sah die Mafia, daß sie mich nicht ‚umstimmen‘ konnten und ließen wenigstens meine beiden Kinder frei.

Ich heiratete ein zweites Mal. Meiner zweiten Frau habe ich nicht allzu viel über mein ‚erstes Leben‘ erzählt, natürlich wußte sie von meiner Verurteilung.
Eines Tages bekomme ich einen Anruf von der Mafia: ‚George, der Mörder deiner Frau ist Jim. Jim sitzt in einem Restaurant gar nicht weit von dir entfernt!‘ Ich weiß nicht, warum ich diesen Anruf bekam. Ob ich einen ‚schmutzigen Job‘ für die Mafia erledigen sollte? Jedenfalls stieg in mir alle Wut hoch: ‚Jim (ich kannte ihn!) – der Mörder deiner Frau, der Mutter deiner beiden Kinder!‘ Der ‚alte Adam‘ kam in mir hoch, mit aller Wut! Ich steckte mir einen 9mm Revolver in die rechte Hosentasche, um in das Restaurant zu fahren und Jim zu erschießen! Aus welchem Grund auch immer, ich weiß es nicht, steckte ich mir in die linke Hosentasche eine kleine Taschenbibel der Gideons und fuhr los.

Im Restaurant angekommen, gehe ich auf den Tisch zu, an dem Jim saß. Er blickte auf, ohne jeden Skrupel. Mord war ja ‚tägliches Geschäft‘ in der Mafia! In dem Moment, als ich nah und in perfekter ‚Schußweite‘ vor Jim bin und ich in die rechte Hosentasche fassen will, um den Revolver zu ziehen, sagte Jim zu mir: ‚George, what happened to you. You are looking different!‘ – George, was ist mit dir? Du siehst irgendwie anders aus. ‚Yes‘, sagte ich, und faßte in die andere Hosentasche mit der Bibel, legte sie vor ihn auf den Tisch und sage: ‚I found Jesus, Jim!‘ – ich habe Jesus gefunden! Dann setze ich mich zu Jim an den Tisch ‚and I shared Jesus with him‘ – und erzähle ihm eine halbe Stunde von Jesus, von dieser kleinen Bibel, von meiner Veränderung. Als ich gehe, überlasse ich Jim die Taschenbibel. Nach zwei Monaten bekomme ich einen Anruf: ‚George, this is Jim. I found Jesus, too!‘ George, hier ist Jim. Ich habe auch Jesus gefunden!“

Zum Autor:

Joachim Krieger, 70 Jahre, bis zum Ruhestand Inhaber eines Maschinenbau-Betriebes mit Export in über 80 Ländern der Erde im Raum Marburg/Lahn, heute ansässig in Neuendettelsau bei Ansbach. 23 Jahre Mitglied im Kirchenvorstand, Lektor, seit 1995 Mitglied im Internationalen Gideonbund, davon zehn Jahre im deutschen Bundesvorstand plus vier Jahre in diesem Missionswerk in Gabun und Burkina Faso tätig.