aus „Lust auf Deutschland“

von Jürgen Fuchs (*1941)

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts saßen die Deutschen wie Raupen in ihren
Kokons. Sie jammerten über die Fesseln ihrer Richtlinien und
Vorschriften. Aber sie hatten nicht den Mut, sie zu zerreißen. Sie
stöhnten über die Last der Steuern und Abgaben. Aber sie hatten nicht
die Kraft, sie abzuwerfen. Sie klagten über die Diktatur der Bürokraten.
Aber sie hatten nicht das Selbstbewußtsein, sie fortzujagen. Sie litten
sehr. Aber sie litten auf hohem Niveau.

Die Deutschen sahen sich selbst als Raupen, die geboren waren, zu
kriechen. Als Untertan. Und wenn sie entdeckt wurden, dann hörten sie
immer den Schrei: „Ich gitt! Eine Raupe.“ Schließlich hatten sie soviel
Angst, daß sie anfingen zu spinnen. Jeder seinen eigenen Kokon, und alle
zusammen einen riesengroßen – aus Bürokratie und
Sicherheits-Vorschriften, aus Richt-Linien und Versicherungs-Policen.
Endlich blieb die böse Welt draußen. Jetzt konnte nichts mehr passieren.
Es passierte jetzt auch nichts mehr! Es wurde dunkel und ganz still. Es
war zwar eng, aber auch schön bequem. Bei soviel Faulheit begann es
schließlich überall zu faulen. Und das Gejammer wurde immer stärker.
Dieses Klagen und Stöhnen hörte ein großer, bunter Schmetterling.
„Typisch Deutsch!“ dachte er.
Doch dann besann er sich. Er war ja selbst mal eine Raupe gewesen, und
die Deutschen waren schon mal Schmetterlinge!
So etwa alle 60 Jahre sind sie aus ihren Kokons ausgebrochen und haben
dann ihre ganze Pracht als Schmetterlinge ausgebreitet: Als Dichter und
Denker, als Ärzte und Philosophen, als Erfinder und Unternehmer. Typisch
Deutsch!