Als ich den Nachlaß meines Vaters ordnete, fand ich einen Brief an Gott

Autor unbekannt

„Lieber Gott,

verzeih mir, daß ich erst jetzt, am Ende meines Lebens schreibe. Ich vergaß völlig, dir für das Wunder vor 20 Jahren zu danken. Du hast mir einst Henriette zur Frau gegeben. Eine rechtschaffene Frau; sie hielt mein Haus in Ordnung, erzog die Kinder, schickte sie gewaschen zur Schule; auch war das, was auf den Tisch kam, genießbar. Ich hatte alle Knöpfe an meinem Rock und an den Hemden. Ich hätte also recht zufrieden sein können mit meiner Frau, die du mir zugeteilt hast. Ich war es nicht.

Ich klagte dir mein Leid. Es war die Nacht vor unserem zehnten Hochzeitstag.

Lieber Gott, betete ich, so kann es nicht weitergehen! Mein Weib ist zänkisch und rechthaberisch. Wir streiten uns den ganzen Tag; immer hat sie das letzte Wort. Ich muß mich sehr bemühen, sie zu überschreien, so laut ist ihre Stimme. Will ich nach rechts, will sie nach links. Selbst wenn wir am Sonntag unseren Spaziergang machen, fehlen nicht die bösen Worte, die wir uns gegenseitig an den Kopf werfen.

Du bist doch allmächtig, lieber Gott. Laß ein Wunder geschehen! Verwandle meine Frau, die ein rechter Drachen ist, in eine sanfte, liebe Taube, damit der Streit in unserer Ehe aufhört, daß sie einsichtig wird und nicht immer das letzte Wort behalten will. So schloß ich mit der Bitte, daß das Wunder über Nacht geschehen solle, weil ich am Morgen die Woche gerne mit einer neuen Frau beginnen wollte.

Ich wachte auf und gab meiner Frau ein gutes Wort, um aus ihrer Antwort herauszuhören, ob du das Wunder vollbracht hättest, worum ich dich gebeten hatte. Ich bekam eine freundliche Antwort. Herr, ich zweifelte noch.

Ich verlangte ein neues Hemd, das hatte stets Streit gegeben. Ich bekam es ohne Widerspruch.

Wir setzen uns zum Frühstück nieder; ich war besonders nett zu Henriette, denn ich wollte deines Wunders würdig sein, es nicht durch meine Ungeduld zerstören. Henriette schenkte mir Kaffee ein, was sie seit unserer Hochzeit nicht mehr getan hatte – ich strich ihr dafür ein Brötchen…

Als wir in die Kirche gingen, schlug ich den Weg ein, den sie am liebsten ging, aber sie bestand darauf, beim Zeitungsstand vorbei zu gehen. So verlief der ganze Tag in Harmonie und Freundlichkeit, kein böses Wort fiel; mein Gebet um ein Wunder war erhört, du hast mir eine neue Frau geschenkt.

Nie wieder haben wir uns gestritten, keiner von uns wollte mehr Recht behalten, denn das sie stets nachgab, wollte auch ich nicht zurückstehen. Ich las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, und so ist es geblieben, bis zum heutigen Tag. Die Leute sagen immer, es geschähen keine Wunder mehr. Hier ist eins, und dafür danke ich dir…“

Der Brief in der Handschrift meines Vaters war nicht zu Ende geschrieben. Als Mutter ihn las, liefen ihr die Tränen übers Gesicht. „Damals ist wirklich ein Wunder geschehen. Nur glaubte ich bisher, daß Gott MEIN Gebet erhört hätte. Denn ich bat Gott in der gleichen Nacht darum, meinen Mann zu verwandeln, der zänkisch und rechthaberisch war. Als ich am Morgen aufwachte, versuchte ich mit einem freundlichen Wort herauszuhören, ob Gott mein Gebet erhört hatte. Da Vater mir herzlich und ohne zu streiten antwortete, erkannte ich das Wunder und tat ein Leben lang alles, es nicht zu stören…“