Kanzelrede über Lukas 10, 38 – 41
in der Kreuzkirche Bonn – 26. Juni 2005

Norman Rentrop

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn

als mich Pfarrer Dr von Dobbeler fragte, ob ich bereit sei,
heute abend zu Ihnen eine Kanzelrede zu halten, habe ich gerne zugesagt.

Gerne aus mehreren Gründen
1. Finde ich diese Einrichtung der Kanzelreden gut und richtig und wichtig:
Kirchen nutzen, um vom Glauben zu erzählen, wie Gott im Leben von Menschen wirkt
2. Habe ich selbst schon hier Kanzelrede zugehört
3. Finde ich das Evangelische Forum, also das Erwachsenenbildungswerk des Kirchenkreises, das die Kanzelreden organisiert, eine unterstützenswerte Einrichtung
Bildung ist ein zentrales Anliegen unserer evangelischen Kirche seit den Tagen der Reformation. Menschen sollen befähigt werden, über ihren Glauben nachzudenken. Christentum bewegt sich nach evangelischem Verständnis immer in der Spannung zwischen Glaube und Vernunft. Bildung ist aber auch wichtig, um den christlichen Glauben dialogfähig zu halten mit den vielen und unterschiedlichen Kräften und Strömungen in der Gesellschaft.
4. Wir als Evangelische haben das Verständnis vom Priestertum aller Gläubigen
Daß hier Gläubige aus den unterschiedlichsten Berufen eingeladen werden, von der Kanzel zu rede, daran beteilige ich mich gerne.

Freue ich mich, meine Schwiegereltern, Freunde und Bekannte, Mitglieder der
Gideons, der Initiative, der IVCG hier zu sehen und mit Bekannten und mit Noch Nicht Bekannten das Gespräch danach vertiefen zu können.

Wir als Christen führen ein spannendes Leben
Spannung zwischen Glaube und Vernunft habe ich eben schon angesprochen.

Die Spannung
zwischen Entscheidungen annehmen und selbst Entscheidungen treffen,
zwischen Kontemplation und Aktivität
zwischen ora und labora
ist mir sehr deutlich geworden an dieser Bibelstelle von Maria und Marta im 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums, Lukas 10,38-41 auf die sich diese Kanzelrede bezieht.

Jesus Christus fordert uns zu Entscheidungen auf:
1.Wer oder was steht im Mittelpunkt meines Lebens
2.Wem will ich dienen?
3.Worauf will ich mein Leben aufbauen?

Wie Gott in meinem Leben wirkt,

wie dieses vor 2.000 und mehr Jahre Jahren geschriebene Buch, die Bibel,
welche Bedeutung das heute in meinem Leben hat,
davon will ich Ihnen heute Abend erzählen.
Danke, dass Sie gekommen sind
Und Danke, dass Sie meinen Ausführungen Aufmerksamkeit schenken.

Als ich zum ersten Mal gebeten wurde, über meinen Glauben zu sprechen, dazu noch vor vielen Menschen, war ich zögerlich. Unsere deutsche Erziehung lehrt uns ja: „Glauben ist Privatsache.“ Nun ist es von Privatsache nicht weit zu Einsamkeit.
Ich habe mir früher allerdings oft gewünscht, von meinen Vorbildern nicht nur zu hören, was für sie Erfolg bedeutet, sondern auch, was für sie ein persönliches Verhältnis zu Jesus Christus bedeutet.
Sonntags in der Kirche beginnen wir das Glaubensbekenntnis
„Ich glaube an Gott,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes
am dritten Tage auferstanden von den Toten
aufgefahren in den Himmel
er sitzt zur Rechten Gottes
des allmächtigen Vaters
von dort wird er kommen
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.“

Kaum sind wir aus der Kirche raus, scheint dann alles, was wir in der Kirche bekannt haben, tabu zu sein!
Dabei macht es uns als Deutsche unser Grundgesetz so einfach, über Gott zu sprechen. Steht doch schon im ersten Satz der Präambel unseres Grundgesetzes: „…in der Verantwortung vor Gott und den Menschen…“. Deshalb bin ich hier und spreche über meinen Glauben.

Mein Leben hat eine Menge damit zu tun, Führungskraft zu sein. Die Verlagsgruppe gibt über 100 Zeitschriften, Informationsdienste und Loseblatt-Zeitschriften heraus. Über 300 festangestellte Mitarbeiter sind hier in Bonn-Bad Godesberg tätig , 600 sind es weltweit, hinzu kommen rund 1.000 freiberufliche Autoren.
Der Verlag entstand aus kleinsten Anfängen. Im Alter von 18 Jahren habe ich in meinem zwölf Quadratmeter großen Zimmer im Elternhaus angefangen. Im Laufe der Jahre habe ich das Unternehmen zu einer der größten deutschen Fachverlagsgruppen aufgebaut.
Irgendwann merkte ich dann, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht die Erfüllung bringt.
Manche Menschen meinen ja: „Wenn ich doch nur das große Los ziehen würde, wenn ich doch nur 1 Million DM im Lotto gewinnen würde, dann, ja dann wäre alles ganz anders.“
Natürlich macht Erfolg Spaß, und man sieht gern, dass Ideen sich tatsächlich verwirklichen lassen, dass Anstrengung sich lohnt und von Erfolg gekrönt wird. Wenn alles klappt, gibt das Befriedigung. Außerdem kommt man zumindest in meinem Beruf weit herum, lernt interessante Menschen und Plätze überall auf der Welt kennen.

Dieses aktive Leben, dieses vita activa, hat aber auch eine Kehrseite:
Wirtschaftlicher Erfolg bringt aber auch viel Stress, Neid, eine Menge Konflikte und viel Einsamkeit mit sich. Inneren Frieden und Erfüllung bringt wirtschaftlicher Erfolg nicht mit sich.
Der kommt nur durch die persönliche Beziehung zu Gott.
Wie oft gibt es Entscheidungen, wie oft gibt es Dinge, die nicht in meiner Hand liegen und einem den Schlaf rauben könnten!
Und dennoch kann ich ruhig schlafen, weil ich im Gebet Gott alle meine Sorgen anvertrauen kann. Und da empfinde ich den letzten Vers des Matthäus-Evangeliums als so wohltuend:
„Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Mein Weg zum Glauben

Seit meiner Konfirmation hatte ich mit Kirche und Bibellesen nicht mehr viel zu tun.
((Nicht dass ich feindlich eingestellt war. Im Gegenteil. Aber die vielen Verlockungen des Lebens hatten mich weggeführt.))

Und dann, viele viele Jahre nach der Konfirmation.
An den Ort kann ich mich noch gut erinnern: Es war in Baden-Baden, vor einigen Jahren. Dort war ich zu einer Fernseh-Talkshow eingeladen.
Abends im Hotel öffnete ich die Schublade des Nachttisches, sah die Bibel, die die Gideons dort ausgelegt hatten, und tat etwas, was ich lange, lange nicht mehr getan hatte:
Ich nahm die Bibel in die Hand, blätterte, las,
las mich fest
und merkte:

DA BIN JA ICH GEMEINT

Ich entdeckte, dass die Bibel mir eine Menge zu sagen hat.
Und seitdem lese ich jeden Tag in der Bibel. Freunde und Mitarbeiter haben mir inzwischen verschiedene Bibel-Übersetzungen geschenkt. So kann ich einzelne Passagen vergleichen.
Frage mich: Was bedeutet das für mich? Wie kann ich das in meinem Leben anwenden? Was will mir Gott dadurch sagen, dass er mich gerade jetzt zu dieser Bibelstelle führt?
Und mehrfach, wenn ich vor dem Einschlafen im Gebet mit Gott eine bestimmte Situation angesprochen habe, fand ich am nächsten Morgen eine Bibelstelle, die mir Zuversicht gab oder ganz neue Wege aufzeigte.

1993 kam dann Billy Graham zu der Evangelisation Pro Christ nach Essen. Von der Gruga-Halle wurde Pro Christ per Satellit in Hunderte von Gemeinden übertragen, so wie es nächstes Jahr auch wieder – dann von der Münchner Olympiahalle – der Fall sein wird. In Bonn-Bad Godesberg war es die amerikanische Kirche in Plittersdorf, die zu Pro Christ einlud.
Als alter Godesberger kannte ich die amerikanische Kirche in Plittersdorf – war zigmal vorbeigefahren – nie dringewesen. Nun bekam ich – damals 1993 – eine Einladung. Ich ging hin.
Und Billy Graham sprach, ins deutsche übersetzt. Und er sprach von „sein Leben Jesus Christus übergeben“. So klar und deutlich hatte ich das noch nie verstanden.
Ich fühlte mich angesprochen und folgte seinem Aufruf, nach vorne zu kommen und übergab mein Leben Jesus Christus.

Doch danach ging es irgendwie nicht richtig weiter. Ich hatte das Gefühl, mich zwar zu Jesus Christus bekannt zu haben, aber ich hatte nicht das Gefühl, in ein persönliches Verhältnis zu Gott eingetreten zu sein.
„Bekehrung ist nicht Wiedergeburt“, sagt uns Oswald Chambers in „Mein Äußerstes für sein Höchstes“ als Tagestext zum 10. Januar. „Wenn ein Mensch wiedergeboren ist, weiß er, was geschehen ist, weil er ein Geschenk des Allmächtigen empfangen hat und nicht infolge seines eigenen Entschlusses“.
Ich besuchte eine Gebetsgruppe der amerikanischen Kirche in Bad Godesberg, die sich einmal im Monat traf. Die Sprache war wegen der teilnehmenden Amerikaner und Diplomaten aus aller Welt Englisch.
Und ich merkte: Ich kann mich zwar perfekt in Verlags-Englisch unterhalten. Das heißt die 300 Fachbegriffe, die dieser Beruf hat, habe ich alle voll drauf.
Aber schon bei der Speisekarte, also beim Essen, hapert mein sonst so flüssiges Englisch.
Und noch mehr beim Ausdrücken meiner persönlichen Gefühle, meines Glaubens.
Weder beim Gottesdienst unserer Gemeinde in Godesberg, noch wenn ich sonst irgendwo auf Reisen an unterschiedlichen Gottesdiensten teilnehme, wird man aufgefordert, seinem Glauben Ausdruck zu verleihen. Und das, was mir im Deutschen schon schwer fällt, das war für mich noch schwerer im Englischen.
Später erfuhr ich von einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung, die Sprachwissenschaftler angestellt haben: Englisch ist wegen der vielen mehrfachen Wortstämmen aus dem Germanischen, Angelsächsischen und Französischen die Sprache mit den meisten Wörtern, etwa 750.000 Stück. Deutsch hat etwa 400.000.
Mit Glauben und Emotionen befassen sich nur 4.000 dieser 750.000 Wörter, also nur jedes 190. Wort. Übrigens sind etwa 75% dieser Wörter über Glauben und Emotionen negativ, gerade 25% sind positiv.
Und von Martin Luther wissen wir ja, wie wichtig die Wortwahl ist: „Dem Volk aufs Maul schauen.“
Für Schnee haben wir im Rheinland vielleicht 3 verschiedene Wörter: Schnee, Graupel und Hagel. Menschen in den Alpen verfügen über vielleicht 20 verschiedene Wörter (Firnschnee, usw.), aber Eskimos haben über 70 verschiedene.
Es geht also um die Fähigkeit, zu differenzieren.
Und so ging das nach Pro Christ nicht weiter.
Ich hatte das Gefühl:
Gott war das nicht egal.
Ich geriet in eine schwere Krise.
Und aus meinem Glauben heraus deutete ich das als eine Herausforderung.

Der Chefredakteur eines Konkurrenzblattes schoss scharf: Er stellte ungeheuerliche Behauptungen auf und machte das so geschickt, dass presserechtlich schwer dagegen

anzukommen war.

Ich war gerade vor dem Abflug zu einer internationalen Verlegerkonferenz auf Nevis in der Karibik.

Meine Gedanken kreisten nur um die Frage: „Fliegen oder nicht, zurückschießen oder nicht?“ Wir hatten herausgefunden: Der Verlagskonzern, bei dem das Konkurrenzblatt erscheint, hatte ausgerechnet in jener Sache, die man uns vorhielt, jede Menge Leichen im Keller. Ich entschied mich fürs Fliegen und gegen ein Zurückschießen. Also nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dann habe ich zum ersten Mal inständig gebetet. Um Beistand.

So konnte ich aushalten und die Kraft finden, bei meinem Entschluß zu bleiben, nicht zurück zu schießen.

Und es geschah etwas, was ich vorher nie für möglich gehalten hätte: Wenige Wochen später wurde dieser Chefredakteur, der mich und meine Mitarbeiter so übel angeschossen hatte, fristlos seiner Funktion enthoben und entlassen.

Ich habe ihm selbst nie die Hand geschüttelt. In Gedanken habe ich ihm aber vergeben und ein mehrfach für ihn gebetet. So habe ich schließlich meinen Frieden mit ihm gemacht.

Damit war das Thema noch nicht vollständig erledigt. Leser des Konkurrenzblattes sprechen mich und meine Mitarbeiter noch bis heute auf das Thema an. Ich nehme es als Fingerzeig, erstens selbst das Gebot zu halten:
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (5. Mose 20),
und mir zweitens Matthäus 7,1-5 vor Augen zu halten:
„Verurteilt nicht andere, damit Gott nicht euch verurteilt! Denn euer Urteil wird auf euch zurückfallen, und ihr werdet mit demselben Maß gemessen werden, das ihr bei anderen anlegt. Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: Komm her, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen, wenn du selbst einen ganzen Balken im Auge hast?“

3 Jahre später…
Mein 40. Geburtstag war der schwierigste überhaupt. Die statistische Mitte des Lebens war erreicht.

Es hatte sich angekündigt: Mein Friseur schaffte es, mir die erste Flasche Haarwuchsmittel zu verkaufen. Ich merkte: Die Haare werden weniger auf dem Kopf. Der Lack ist ab.
Dann, 6 Wochen vor meinem 40. Geburtstag packte mich die sprichwörtliche Midlife-Krise. Verschiedenste Gedanken kreisten monatelang in meinem Kopf:
Warum morgens überhaupt aufstehen? Wofür das Bett überhaupt verlassen? Soll ich kürzertreten? Was ist der Sinn des Lebens? Was muss ich verändern?
Es war der Beginn von 12 langen, depressiven Monaten.
Problematisch war jetzt die Einsamkeit des Unternehmers:

Mit wem sollte ich diese ganz persönlichen, ganz existenziellen Themen besprechen? Von wem konnte ich erwarten, dass er vom Verständnis und vom Wohlwollen her in der Lage ist, mir ohne „konfligierende Eigeninteressen“ zu helfen? Bei wem kann und darf ich meine sonst so mühsam errichteten Schutzwälle um meine Gefühle und um meine Seele einmal herunterfahren? Wem gegenüber darf ich mich verletzlich geben, mich verwundbar machen?

Meinen Mitarbeitern? Mit denen, die mich bisher 22 Jahre in der Rolle des Starken, des Ideenreichen, des nie Verzagenden kennen gelernt hatten?

Meinen Unternehmer-Kollegen, vor denen ich mich viele Jahre bemüht hatte, mir keine vermeintliche Blöße zu geben?

Mit anderen in der Gemeinde? Durfte ich dort auf Verständnis hoffen, wenn es mal nicht um, und lassen sie mich hier bewusst einen Ausdruck verwenden, der so ähnlich wie „politisch korrekt“ klingt: „kirchlich/gemeindlich korrekte Themen geht?

Bei meiner Frau fand ich viel Verständnis, ebenso bei meinen Eltern und meinen Geschwistern.

Wo noch konnte ich die Offenheit und Ehrlichkeit finden, die nötig ist, um das alles zu besprechen?

Ich überlegte mir, was Gottes Versprechen „Ich nehme Dich an, so wie Du bist“ für mich bedeutete. Wie setze ich das praktisch um? Wie verhalte ich mich? Und was heißt das konkret für mich?

Auf dem Kongress Explo 1997 in Basel berichteten Barbara und Ben Jakob, was für sie die Begegnung Jesu mit Maria und Marta bedeutet, Lukas 10,38-41:

Ich lade Sie ein, mit mir die Bibel jetzt aufzuschlagen und zu lesen: Lukas 10,Vers 38-41
„Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau namens Marta gastlich auf. Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria, die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. Marta dagegen war überbeschäftigt mit der Vorbereitung des Essens. Schließlich trat Marta vor Jesus hin und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich die ganze Arbeit allein tun läßt? Sag ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr antwortete ihr: Marta, Marta, du machst dir so viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, aber nur eins ist notwendig. Maria hat die gute Wahl getroffen; sie hat sich für das unverlierbar Gute entschieden, das ihr nicht genommen werden kann.“

Das Schweizer Ehepaar Barbara und Ben Jakob, das in der Schweiz und in Deutschland Großartiges geleistet hatte:
Sie: Frühstückstreffen für Frauen aufgebaut, erst in Zürich und Umgebung, dann in gesamten Schweiz, heute in ganz Europa.
Er: Jesus Film in alle Programm-Kinos der Schweiz gebracht, jedem Besucher Lukas-Evangelium überreicht, nach dem der Film gedreht ist.
In Deutschland haben beide die Aktion „neu angefangen“ wesentlich begleitet: Alle christliche Kirchen: Evangelische, katholische, Freikirchen in Hamburg-Harburg zum Beispiel gemeinsam alle 180.000 Bewohner angerufen und zum Gespräch, zum Gottesdienst eingeladen.

Die beiden Jakobs erläuterten in ihrem Vortrag, wie sie durch das Gleichnis von Maria und Marta zu dem gekommen sind, was die Schrift
„notwendig“ nennt.

Für mich war das eine Schlüsselstelle. Zuvor fühlte ich mich stets unter Zugzwang, nach dem Motto eines Fotojournalisten: Wenn ich wach bin, arbeite ich.

Zu hören und zu lesen: Es ist okay, auch nur mal ruhig dazusitzen und auf Gott zu hören, ja dass dieses „Gott zuhören“ sogar von Jesus als die „gute Wahl“ bezeichnet wird.

((Maria und Marta handelt für mich auch vom Geben und Nehmen. Marta gibt, Maria nimmt. Sie nimmt sich Zeit, Worte Jesu zu empfangen.
Wem gehören unsere Sympathien?
Der rastlosen, tüchtigen Marta, die sich um alles kümmert.
Oder der sich ganz auf das Zuhören einlassenden Maria?
Anmerkungen fallen einem zu beiden ein.

Es geht in der Geschichte für mich nicht um zwei miteinander konkurrierende Typen.
Es geht für nicht darum, ob ein Rückzug aus der Welt ins Kloster das bessere Christenleben sei. Ich glaube, dass ich Gott in jedem Beruf dienen kann, in weltlichem wie im geistlichen. Ich glaube, dass es darauf ankommt, wozu Gott mich ruft und ihm dann zu dienen
Was immer Du tust, tue es in der Furcht des Herrn.

Bei Maria und Marta geht es auch nicht allein um die Balance von Arbeit und Besinnung.
Die Schwestern müssen sich vielmehr die Frage gefallen lassen, worauf es in der konkreten Situation ankommt.

Was ist gerade jetzt wichtiger?
Wie verhält sich Jesus?
Er sagt zu Marta: „… aber nur eins ist notwendig. Maria hat die gute Wahl getroffen; sie hat sich für das unverlierbar Gute entschieden, das ihr nicht genommen werden kann.“

Wenn Jesus zu Gast ist, geht es zuerst um das Empfangen. In der Begegnung mit ihm stellt sich heraus, dass der Mensch nicht von dem lebt, was er tut, sondern von dem, was er von Gott empfängt.))

Und noch eins gaben mir die Jakobs aus der Schweiz: Das Büchlein „Lebensmitte als geistliche Aufgabe“ von Anselm Grün. Pater Anselm Grün ist einer der meistgelesenen christlichen Autoren deutscher Sprache. Was vielleicht nicht so bekannt ist: Er ist auch Diplom-Kaufmann und Aktien-Investor wie ich und Finanzchef (Cellerar) eines Benediktiner-Klosters.

In seinem Buch beschreibt Grün, wie das Kloster vor einem Phänomen stand: Im Alter zwischen 40 und 50 Jahren entschieden sich eine ganze Reihe von Brüdern, das Kloster zu verlassen und aus dem Orden auszusteigen. Was machten die Benediktiner? Genau dasselbe, was wir in der Wirtschaft auch tun würden: Problem analysieren und Konferenz abhalten. Und die Analyse war für mich spannend. Sie griffen zurück auf die Werke von Johannes Tauler, einem unserer großen deutschen deutschen Mystiker aus dem 14. Jahrhundert und C. G. Jung, dem Vater der Psychoanalyse.

Anselm Grün leitet ein: “Es geht in der Krise der Lebensmitte nicht bloß um ein Sich-Neueinstellen auf die veränderten physischen und psychischen Gegebenheiten, nicht nur um ein Fertigwerden mit dem Nachlassen der körperlichen und geistigen Kräfte und um ein Einordnen neuer Wünsche und Sehnsüchte, die in der Lebensmitte häufig aufbrechen.

Die Lebensmitte ist wesentlich eine Sinnkrise und damit eine religiöse Krise. Und sie birgt in sich zugleich die Chance, einen neuen Sinn für sein Leben zu finden.“

Tauler predigte auch über den 40. Geburtstag und sagte:

1.“Nicht abhauen.“

Der Mensch kann auf dreierlei Weisen vor der Krise der Lebensmitte fliehen.

a) er weigert sich, in sich hineinzusehen. Er stellt sich nicht der Unruhe im eigenen Herzen, sondern verlagert sie nach außen, in dem er voller Ungeduld draußen, bei den anderen, an den Strukturen, den Institutionen alles verbessern will.
Weil er sich selbst nicht reformieren will, will er das Kloster reformieren.

b) Eine 2. Art der Flucht besteht darin, dass der Mensch an äußeren religiösen Übungen festhält.
Er flieht vor der inneren Auseinandersetzung in äußere Tätigkeiten.

c) Die 3. Art der Flucht besteht darin, daß man die innere Unruhe nach außen in ständig neue Lebensformen umsetzt.

Sie stellen sich ihrer eigenen Unruhe nicht, halten sie nicht aus, hören nicht auf Gottes Stimme; der sie gerade durch die Bedrängnis in das eigene Innere führen will.

Ich übersetzte: Also nicht was ganz anderes machen. Nicht in die Südsee auswandern. Nicht gemäß dem Bestseller von Günter Ogger „absahnen und abhauen“.

Und Tauler fuhr fort:

2.„Nicht in starre Formen verfallen.“

Das „Verfallen in starre Formen“ äußert sich auf der psychologischen Ebene als Prinzipienreiterei, man verschanzt sich hinter Grundsätzen, um seine eigene Angst zu verbergen.
Und ich übersetzte für mich: also offen bleiben

Gelassenheit

Tauler meint hier nicht eine stoische Gelassenheit, sondern die Fähigkeit, sich selbst zu lassen.
Gelassenheit ist für Tauler das, was die Heilige Schrift Selbstverleugnung nennt, die Aufgabe des eigenen Willens, um sich in Gottes Willen zu ergeben. Sie hat einen dynamischen Aspekt und bedeutet ein Vorwärtskommen auf Gott.

Es geht in der Krise der Lebensmitte um einen Führungswechsel:
Nicht mehr ich, sondern Gott soll mich führen. In der Krise ist ja schon Gott am Werk und ich soll ihm nichts in den Weg stellen, daß er sein Werk an mir vollenden kann.

C. G. Jung verstand sich als Psychiater der Erwachsenen, insbesondere für die zweite Lebenshälfte. C. G. Jung ist auch derjenige, der bei aller Wissenschaftlichkeit dann persönlich zu dem Schluss kommt: Es gibt Gott.

In der ersten Lebenshälfte steht das Bewußtsein im Vordergrund. Es geht hauptsächlich ums Schaffen und Machen. In der zweiten Lebenshälfte kommt es darauf an, Unterbewußtsein und Bewußtsein wieder in Übereinstimmung zu bringen.

Deutlich in Erinnerung geblieben ist mir das Fazit Anselm Grüns: Gott rüttelt dich in der Lebensmitte noch einmal wach, damit du Gelegenheit erhältst, näher zu ihm zu kommen.

Näher zu Gott, nicht das Leben in Ruhe zu genießen, ist für mich damit gemeint. So wie Jesus in Lukas 12,16-20 erzählt:
„Ein reicher Grundbesitzer hatte eine besonders gute Ernte gehabt. Was soll ich jetzt tun?, überlegte er. Ich weiß gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll! Ich hab’s, sagte er, ich reiße meine Scheunen ab und baue größere! Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen und kann zu mir selbst sagen: Gut gemacht! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iß und trink nach Herzenslust und genieße das Leben! Aber Gott sagte zu ihm: Du Narr, noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern! Wem gehört dann dein Besitz?“

Das, was Gott an Gaben mitgegeben hat, der reiche Segen, den Gott uns gibt, ist nicht zum Horten gedacht.
Und zwar nicht nur, weil das letzte Hemd bekanntlich keine Taschen hat,
sondern weil wir irgendwann vor unserem Herrn die Frage zu beantworten haben:
„Was hast du aus deinen Gaben, die ich dir gab, gemacht?“

Ich erkannte, daß Erfolg, daß Machen nicht alles ist.
Gerade für mich als Tatmensch, als Macher bedeutete dies ein Umdenken.
Es geht also darum, nicht mich, sondern Gott in den Mittelpunkt zu stellen.

Das ist leicht gesagt, aber nicht immer leicht umzusetzen. Oft falle ich zurück in alte Gewohnheiten. Wenn ich hier über meinen persönlichen Weg im Glauben spreche, dann bin ich dabei kein Experte. Ich fühle mich wie einer, der versucht, im täglichen Leben Glauben in die Praxis umzusetzen.

Dabei gelingt mir nicht alles,
Ich mache Fehler, werde schuldig.
Vertraue auf Gottes Gnade.
Und daß einer hinter mir steht, der mich auffängt,
auch wenn ich Mist baue.

In dieser Zeit wurde mir auch Gottes anderes Versprechen wichtig: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage.“

Gebet, Gespräch und Erfahrungsaustausch habe ich immer als fruchtbare Wege erlebt, die Einsamkeit des Unternehmers zu überwinden.

Campus für Christus schickte mir das Buch eines mittelständischen Unternehmers in der Kabelfernseh-Branche. Sein Name: Bob Buford. Das Buch heißt „Halbzeit“. Er vergleicht das Leben mit einem Fußballspiel mit 2 Spielhälften und einer Halbzeit in der Mitte.
Seine Botschaft: Wenn du in der Mitte des Lebens (in der Halbzeit, daher der Name des Buches) inne hältst, dann mußt du dich entscheiden: wer oder was steht im Mittelpunkt Deines Lebens?

Baust Du Dein Leben auf die vielen Verlockungen wie Geld, Macht, Sex auf
oder
baust Du Dein Leben auf GOTT auf.

Bob Bufords war aus der Tagesarbeit in den Aufsichtsrat gewechselt. Er hatte die Geschäftsführung an leitende Mitarbeiter abgegeben. Er brachte dann seine unternehmerische Begabung in das Leadership-Network ein, ein Pendant zur Akademie für christliche Führungskräfte.

Seinem Vorbild bin ich Ende 1998/ Anfang 1999 gefolgt und bin auch aus der Tagesarbeit in den Aufsichtsrat gewechselt. Der Verlag ist in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Geschäftsführung genauer gesagt den Alleinvorstand hat mein langjähriger Stellvertreter übernommen, wofür ich sehr dankbar bin.

Dieser Wechsel in der Lebensmitte gibt mir mehr Zeit für innere Einkehr, mehr Zeit für die Familie. Praktisch bedeutet es von der 80-90 Stunden Woche der 22 Aufbaujahre (vom 18. bis 40. Lebensjahr) zur 40 Stunden Woche, die ich jetzt habe.

Dieser Umstieg gibt mir auch die Möglichkeit meine Gaben einzubringen in gemeinnützige, also not for profit Werke wie Bibel TV, Deutsche Bibelgesellschaft und Bonner Bürgerstiftung.

Hier möchte ich Gemeinden und Kirchen Mut machen, sich auf das zu konzentrieren, was sie besser können als andere. Wenn es heißt, das 21. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Ethik, dann sehe ich hier die große Chance für die Kirche und für alle, die bereit sind, als Christen Führungsaufgaben zu übernehmen.

Was wäre, wenn unsere gesamte Gesellschaft in einer Art Midlife-Krise wäre? Viele Symptome sind da: Ausgebrannt sein, Gedanken an Abhauen, äußere und innere Emigration. Verfallen in starre Formen – vorschreiben statt vorleben.
Wer von den Jungen will noch Verantwortung tragen? Ich, ich, ich, ruft es vielerorts. Wer will noch dienen? Wer will noch hören: „Frage nicht, was die Gemeinschaft für dich tun kann, sondern was du für die Gemeinschaft tun kannst?

Das Führen durch und aus der Midlife-Krise ist etwas, was wir weder in der Schule, noch in der Uni noch in der Lehre mitbekommen – hier eröffnet sich eine Riesenchance für Kirche.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn

ich habe Ihnen 3 Punkte berichtet:
1. Mein Weg zum Glauben
2. Maria und Marta
3. Lebensmitte als geistliche Herausforderung

Lassen Sie mich schließen mit einem Zehn-Zeiler,
den ich Pfingsten vor 11 Jahren bei einem Gottesdienst in New Orleans erhielt.

Bei allem, was wir über Führung, über Organisationsstrukturen, über gesellschaftliche und andere
Veränderungen hier besprechen, rückt er mit wenigen Zeilen alles in Perspektive:

Wenn Wissen unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns ein Universalgenie geschickt.

Wenn Technologie unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns einen Technik-Wissenschaftler geschickt.

Wenn Geld unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns einen Ökonomen geschickt.

Wenn Unterhaltung unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns einen Entertainer geschickt.

Aber so, da Vergebung unser größtes Bedürfnis ist,
schickte er uns einen Erretter.

Und so heißt es auf der letzten Seite der Gideon-Bibel:
Mein Entschluß, Jesus Christus als meinen Erretter anzunehmen

Ich bekenne Gott, dass ich ein Sünder bin, und ich glaube, daß der Herr Jesus Christus für meine Sünden am Kreuz gestorben ist. Ich nehme ihn jetzt an und bekenne ihn als meinen persönlichen Erretter.

Amen.