Auf dem Kongress christlicher Führungskräfte in Fellbach hielt Norman Rentrop diese sehr persönliche Rede. Er erzählt darin zum einen, wie er Christ geworden ist. Auf der anderen Seite weist er den Kirchen klar ihren Auftrag in das kommende Jahrhundert.

Fellbach

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Diese 3 Tage in der Schwabenlandhalle in Fellbach sind schon etwas Besonderes. Mehr als 1000 Führungskräfte aus Gemeinden, aus der Wirtschaft, aus Politik, Wissenschaft und Medien treffen sich hier im Geiste
unseres Herrn Jesus Christus
Um gemeinsam zu beten,
um sich gegenseitig kennenzulernen und
um gemeinsam Erfahrungen auszutauschen.

Zum ersten Mal solch eine Veranstaltung, die es vom Programm, von der Hochkarätigkeit und Innovationskraft der Referenten, von der Organisation und den Details her mit allen deutschen Führungskräfte-Kongressen aufnehmen kann. Mit einem Unterschied: hier treffen sich Führungskräfte nicht unter weltlichen Vorzeichen, sondern im Geiste Jesus Christus. Hier hat ER erste Priorität.

Ich beglückwünsche die Veranstalter,
idea
und tempus
und die diesen Kongreß unterstützende Akademie für christliche Führungskräfte
ausdrücklich zu dem Mut, diesen ersten Kongreß für christliche Führungskräfte ins Leben gerufen zu haben.

Ich habe selbst schon Kongresse veranstaltet und weiß, wie viele Gedanken, wie viel Zeit, wie viel Abstimmungs- und Koordinationsaufwand, wie viel Nervenkraft und wie viel Herzblut für so einen Kongreß gebraucht werden. Allen, die diese Gedanken, Zeit, Abstimmungs- und Koordinationsaufwand, Nervenkraft und Herzblut zum Gelingen dieses Kongresses beigetragen haben meine Anerkennung und ein ganz persönliches „Dankeschön“.

Der Kongress christlicher Führungskräfte ist eine Veranstaltung, die es vom Programm, von der Hochkarätigkeit und Innovationskraft der Referenten, von der Organisation und den Details her mit allen deutschen Führungskräfte-Kongressen aufnehmen kann. Mit einem entscheidenden Unterschied: Hier treffen sich Führungskräfte nicht unter weltlichen Vorzeichen, sondern im Geiste Jesu Christi. Hier hat er Priorität.

Als ich Dr. Jörg Knoblauch, den Spiritus rector dieses Kongresses, fragte: „Welche Schwerpunkte soll ich in meinem Vortrag setzen?, da riet er mir zu sprechen über

1. meinen ganz persönlichen Weg zum Glauben und wie ich das als Vorgesetzter von Hunderten von Mitarbeitern empfinde.

2. Was Über-setzen ins 21. Jahrhundert für mich bedeutet.

3. Welche Veränderungen unsere Trendforscher sehen angesichts der Frage: „Was ist vom 21. Jahrhundert wirtschaftlich zu erwarten?“

Über meinen Glauben zu sprechen, dazu noch vor so vielen Menschen, ist für mich neu. Ich war zögerlich. Unsere deutsche Erziehung lehrt uns ja: „Glauben ist Privatsache.“ Nun ist es von Privatsache nicht weit zu Einsamkeit.

Ich habe mir früher allerdings oft gewünscht, von meinen Vorbildern nicht nur zu hören, was für sie Erfolg bedeutet, sondern auch, was für sie ein persönliches Verhältnis zu Jesus Christus bedeutet.

Sonntags in der Kirche beginnen wir das Glaubensbekenntnis

„Ich glaube an Gott,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes
am dritten Tage auferstanden von den Toten
aufgefahren in den Himmel
er sitzt zur rechten Gottes
des allmächtigen Vaters
von dort wird er kommen
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.“

Kaum sind wir aus der Kirche raus, scheint dann alles, was wir in der Kirche bekannt haben, tabu zu sein!

Dabei macht es uns als Deutsche unser Grundgesetz so einfach, über Gott zu sprechen. Steht doch schon im ersten Satz der Präambel unseres Grundgesetzes: „…in der Verantwortung vor Gott und den Menschen…“. Deshalb bin ich hier und spreche über meinen Glauben.

Mein Weg zum Glauben

An den Ort kann ich mich noch gut erinnern: Es war in Baden-Baden, vor einigen Jahren. Dort war ich zu einer Fernseh-Talkshow eingeladen. Abends im Hotel öffnete ich die Schublade des Nachttisches, sah die Bibel, die die Gideons dort ausgelegt hatten, und tat etwas, was ich lange, lange nicht mehr getan hatte: Ich begann in der Bibel zu lesen.

Seit meiner Konfirmation hatte ich mit Kirche und Bibellesen nicht mehr viel zu tun.

Doch plötzlich entdeckte ich, dass die Bibel mir eine Menge zu sagen hat. Und seitdem lese ich jeden Tag in der Bibel. Freunde und Mitarbeiter haben mir inzwischen verschiedene Bibel-Übersetzungen geschenkt. So kann ich einzelne Passagen vergleichen.

Frage mich: Was bedeutet das für mich? Wie kann ich das in meinem Leben anwenden? Was will mir Gott dadurch sagen, dass er mich gerade jetzt zu dieser Bibelstelle führt? Und mehrfach, wenn ich vor dem Einschlafen im Gebet mit Gott eine bestimmte Situation angesprochen habe, fand ich am nächsten Morgen eine Bibelstelle, die mir Zuversicht gab oder ganz neue Wege aufzeigte.

1993 kam dann Billy Graham zu der Evangelisation Pro Christ nach Deutschland. Ich fühlte mich angesprochen und folgte seinem Aufruf, nach vorne zu kommen
Doch danach ging es irgendwie nicht richtig weiter. Ich hatte das Gefühl, mich zwar zu Jesus Christus bekannt zu haben, aber ich hatte nicht das Gefühl, in ein persönliches Verhältnis zu Gott eingetreten zu sein.

„Bekehrung ist nicht Wiedergeburt“, sagt uns Oswald Chambers in „Mein Äußerstes für sein Höchstes“ als Tagestext zum 10. Januar. „Wenn ein Mensch wiedergeboren ist, weiß er, was geschehen ist, weil er ein Geschenk des Allmächtigen empfangen hat und nicht infolge seines eigenen Entschlusses“.

Ich besuchte eine Gebetsgruppe der amerikanischen Kirche in Bad Godesberg, die sich einmal im Monat traf. Die Sprache war wegen der teilnehmenden Amerikaner und Diplomaten aus aller Welt Englisch.
Und ich merkte: Ich kann mich zwar perfekt in Verlags-Englisch unterhalten. Das heißt die 300 Fachbegriffe, die dieser Beruf hat, habe ich alle voll drauf.

Aber schon bei der Speisekarte, also beim Essen, hapert mein sonst so flüssiges Englisch.

Und noch mehr beim Ausdrücken meiner persönlichen Gefühle, meines Glaubens.

Weder beim Gottesdienst unserer Gemeinde in Godesberg, noch wenn ich sonst irgendwo auf Reisen an unterschiedlichen Gottesdiensten teilnehme, wird man aufgefordert, seinem Glauben Ausdruck zu verleihen. Und das, was mir im Deutschen schon schwer fällt, das war für mich noch schwerer im Englischen.

Später erfuhr ich von einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung, die Sprachwissenschaftler angestellt haben: Englisch ist wegen der vielen mehrfachen Wortstämmen aus dem Germanischen, Angelsächsischen und Französischen die Sprache mit den meisten Wörtern, etwa 750.000 Stück. Deutsch hat etwa 400.000.

Mit Glauben und Emotionen befassen sich nur 4000 dieser 750.000 Wörter, also nur jedes 19. Wort. Übrigens sind etwa 75% dieser Wörter über Glauben und Emotionen negativ, gerade 25% sind positiv.

Und von Martin Luther wissen wir ja, wie wichtig die Wortwahl ist: „Dem Volk aufs Maul schauen.“

Für Schnee haben wir im Rheinland vielleicht 3 verschiedene Wörter: Schnee, Graupel und Hagel. Menschen in den Alpen verfügen über vielleicht 20 verschiedene Wörter (Firnschnee, usw.), aber Eskimos haben über 70 verschiedene.

Also die Fähigkeit, zu differenzieren.

Und so ging das nach Pro Christ nicht weiter.

Gott war das nicht egal.

Ich geriet in meine schwerste Krise.

Und aus meinem Glauben heraus deutete ich das als eine Herausforderung.

Der Chefredakteur eines Konkurrenzblattes schoss scharf: Er stellte ungeheuerliche Behauptungen auf und machte das so geschickt, dass presserechtlich schwer dagegen anzukommen war.

Ich war gerade vor dem Abflug zu einer internationalen Verlegerkonferenz auf Nevis in der Karibik.

Meine Gedanken kreisten nur um die Frage: „Fliegen oder nicht, zurückschießen oder nicht?“
Wir hatten herausgefunden: Der Verlagskonzern, bei dem das Konkurrenzblatt erscheint, hatte ausgerechnet in jener Sache, die man uns vorhielt, jede Menge Leichen im Keller. Ich entschied mich fürs Fliegen und gegen ein Zurückschießen. Also nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Dann habe ich zum ersten Mal inständig gebetet. Um Beistand.

So konnte ich aushalten und die Kraft finden, bei meinem Entschluß zu bleiben, nicht zurück zu schießen.

Und es geschah etwas, was ich vorher nie für möglich gehalten hätte: Wenige Wochen später wurde dieser Chefredakteur, der mich und meine Mitarbeiter so übel angeschossen hatte, fristlos seiner Funktion enthoben und entlassen.

Ich habe ihm selbst daraufhin nie die Hand geschüttelt. In Gedanken habe ich ihm aber vergeben und ein paar mal für ihn gebetet. So habe ich schließlich meinen Frieden mit ihm gemacht.

Damit war das Thema noch nicht vollständig erledigt. Leser des Konkurrenzblattes sprechen mich und meine Mitarbeiter noch bis heute auf das Thema an. Ich nehme es als Fingerzeig, erstens selbst das Gebot zu halten: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (5. Mose 20), und mir zweitens Matthäus 7,1-5 vor Augen zu halten: „Verurteilt nicht andere, damit Gott nicht euch verurteilt! Denn euer Urteil wird auf euch zurückfallen, und ihr werdet mit demselben Maß gemessen werden, das ihr bei anderen anlegt. Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: Komm her, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen, wenn du selbst einen ganzen Balken im Auge hast?“

Mein 40. Geburtstag war der schwierigste überhaupt. Die statistische Mitte des Lebens war erreicht.

Drei Jahre vorher schon kündigte er sich an: Mein Friseur verkaufte mir die erste Flasche Haarwuchsmittel. Die Haare werden weniger auf dem Kopf. Der Lack ist ab.

Dann, kurz vor meinem 40. Geburtstag packte mich die sprichwörtliche Midlife-Krise. Verschiedenste Gedanken kreisten monatelang in meinem Kopf: Soll ich kürzertreten? Was ist der Sinn des Lebens? Was muss ich verändern?
Problematisch war jetzt die Einsamkeit des Unternehmers:

(Hier Musikeinspielung: Freddy Quinn – Heimatlos)

Mit wem sollte ich diese ganz persönlichen, ganz existenziellen Themen besprechen? Von wem konnte ich erwarten, dass er vom Verständnis und vom Wohlwollen her in der Lage ist, mir ohne „konfligierende Eigeninteressen“ zu helfen? Bei wem kann und darf ich meine sonst so mühsam errichteten Schutzwälle um meine Gefühle und um meine Seele einmal herunterfahren? Wem gegenüber darf ich mich verletzlich geben, mich verwundbar machen?

Meinen Mitarbeitern? Mit denen, die mich bisher 22 Jahre in der Rolle des Starken, des Ideenreichen, des nie Verzagenden kennengelernt hatten?
Meinen Unternehmer-Kollegen, vor denen ich mich viele Jahre bemüht hatte, mir keine vermeintliche Blöße zu geben?
Mit anderen in der Gemeinde? Durfte ich dort auf Verständnis hoffen, wenn es mal nicht um, und lassen sie mich hier bewusst einen Ausdruck verwenden, der so ähnlich wie „politisch korrekt“ klingt: „kirchlich/gemeindlich korrekte Themen geht?

Bei meiner Frau fand ich viel Verständnis, ebenso bei meinen Eltern und meinen Geschwistern.
Wo noch konnte ich die Offenheit und Ehrlichkeit finden, die nötig ist, um das alles zu besprechen?

Ich überlegte mir, was Gottes Versprechen „Ich nehme Dich an, so wie Du bist“ für mich bedeutete. Wie setze ich das praktisch um? Wie verhalte ich mich? Und was heißt das konkret für mich?

In dieser Zeit wurde mir auch Gottes anderes Versprechen wichtig: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage.“

Gebet, Gespräch und Erfahrungsaustausch habe ich immer als fruchtbare Wege erlebt, die Einsamkeit des Unternehmers zu überwinden. Doch was heißt Über-setzen konkret für mich?

Campus schickte mir das Buch eines mittelständischen Unternehmers. Sein Name: Bob Buford. Das Buch gibt es auf deutsch. Es heißt „Halbzeit“ und ist bei Gerth Medien erschienen.

Seine Botschaft: Wenn du in der Mitte des Lebens (in der Halbzeit, daher der Name des Buches) inne hältst, dann mußt du dich entscheiden: wer oder was steht im Mittelpunkt Deines Lebens?

Bob Bufords war aus der Tagesarbeit ausgestiegen und hatte die Geschäftsführung an leitende Mitarbeiter abgegeben. Er brachte dann seine unternehmerische Begabung in das Leadership-Network ein, ein Pendant zur Akademie für christliche Führungskräfte. Seinem Vorbild bin ich inzwischen gefolgt und habe mich auch aus der Tagesarbeit zurückgezogen. Der Verlag ist in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Geschäftsführung bzw. den Vorstand habe ich an leitende Mitarbeiter übergeben.

Der Kongress Explo 1997 in Basel war für mich ein weiterer Meilenstein. Dort haben Barbara und Ben Jakob erzählt, was für sie die Begegnung Jesu mit Maria und Marta bedeutet, Lukas 10,38-41:

„Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau namens Marta gastlich auf. Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria, die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. Marta dagegen war überbeschäftigt mit der Vorbereitung des Essens. Schließlich trat Marta vor Jesus hin und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich die ganze Arbeit allein tun läßt? Sag ihr doch, daß sie mir helfen soll! Der Herr antwortete ihr: Marta, Marta, du machst dir so viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, aber nur eins ist notwendig. Maria hat die gute Wahl getroffen; sie hat sich für das unverlierbar Gute entschieden, das ihr nicht genommen werden kann.“

Das Schweizer Ehepaar, das in der Schweiz und in Deutschland großartiges geleistet hatte:
Sie Frühstückstreffen für Frauen aufgebaut
Er Jesus Film zum Beispiel in alle Kinos der Schweiz gebracht, jedem Besucher Lukas-Evangelium erreicht.
In Deutschland die Aktion neu angefangen: Alle christliche Kirchen:
Evangelische, katholische, Freikirchen in Stadtteil von Hamburg zum Beispiel gemeinsam alle 180.000 Bewohner angerufen und zum Gespräch, zum Gottesdienst eingeladen.
Jetzt gerade läuft in Potsdam die Aktion „neu anfangen“.

Die beiden Jakobs erläuterten in ihrem Vortrag, wie sie durch das Gleichnis von Maria und Marta zu dem gekommen sind, was die Schrift „notwendig“ nennt.

<“Bild“?>

Für mich war das eine Schlüsselstelle. Zuvor fühlte ich mich stets unter Zugzwang, nach dem Motto eines Fotojournalisten: Wenn ich wach bin, arbeite ich.

Es ist okay, auch nur mal ruhig dazusitzen und auf Gott zu hören, ja dass dieses „Gott zuhören“ sogar von Jesus als die „gute Wahl“ bezeichnet wird.

Und noch eins gaben mir die Jakobs aus der Schweiz: Das Büchlein „Lebensmitte als geistige Aufgabe“ von Anselm Grün. Wer Idea-Spektrum liest, kennt Anselm Grün aus der Bestsellerliste. Was vielleicht nicht so bekannt ist: Er ist Diplom-Kaufmann wie ich und Finanzchef eines Benediktiner-Klosters.

In seinem Buch beschreibt Grün, wie das Kloster vor einem Phänomen stand: Im Alter zwischen 40 und 50 Jahren entschieden sich eine ganze Reihe von Brüdern, das Kloster zu verlassen und aus dem Orden auszusteigen. Was machten die Benediktiner? Genau dasselbe, was wir in der Wirtschaft auch tun würden: Problem analysieren und Konferenz abhalten. Und die Analyse war für mich spannend. Sie griffen zurück auf die Werke von Johannes Tauler, einem deutschen Mystiker aus dem 14. Jahrhundert und C. G. Jung, den Vater der Psychoanalyse.

Tauler predigte auch über den 40. Geburtstag und sagte: „Nicht abhauen.“

Ich übersetzte: Also nicht was ganz anderes machen. Nicht in die Südsee auswandern, nicht gemäß dem derzeitigen Bestseller von Günter Ogger „absahnen und abhauen“. Nicht in starre Formen verfallen.

C. G. Jung verstand sich als Psychiater der Erwachsenen, insbesondere für die zweite Lebenshälfte. C. G. Jung ist auch derjenige, der bei aller Wissenschaftlichkeit dann persönlich zu dem Schluss kommt: Es gibt Gott.

In der ersten Lebenshälfte steht das Bewusstsein im Vordergrund. Es geht hauptsächlich ums Schaffen und Machen. In der zweiten Lebenshälfte kommt es darauf an, Unterbewusstsein und Bewusstsein wieder in Übereinstimmung zu bringen.

Deutlich in Erinnerung geblieben ist mir das Fazit Anselm Grüns: Gott rüttelt dich in der Lebensmitte noch einmal wach, damit du Gelegenheit erhältst, näher zu ihm zu kommen.

Näher zu Gott, nicht das Leben in Ruhe zu genießen, ist für mich damit gemeint. So wie mir Duane Conrad eine Geschichte in Erinnerung rief, Jesus in Lukas 12,16-20 erzählt:

„Ein reicher Grundbesitzer hatte eine besonders gute Ernte gehabt. Was soll ich jetzt tun?, überlegte er. Ich weiß gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll! Ich hab’s, sagte er, ich reiße meine Scheunen ab und baue größere! Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen und kann zu mir selbst sagen: Gut gemacht! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iß und trink nach Herzenslust und genieße das Leben! Aber Gott sagte zu ihm: Du Narr, noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern! Wem gehört dann dein Besitz?“

Auf einer anderen Veranstaltung von Campus für Christus lernte ich dann das Konzept der Haushalterschaft (amerikanisch: Stewardship) kennen. Das, was Gott an Gaben mitgegeben hat, der reiche Segen, den Gott uns gibt, ist nicht zum Horten gedacht. Irgendwann werden wir vor unserem Herrn die Frage zu beantworten haben: „Was hast du aus deinen Gaben, die ich dir gab, gemacht?“

Ich erkannte, dass Erfolg, dass Machen nicht alles ist. Gerade für mich als Tatmensch, als Macher bedeutete dies ein Umdenken. Es geht also darum, nicht mich, sondern Gott in den Mittelpunkt zu stellen.

Das ist leicht gesagt, aber nicht immer leicht umzusetzen. Oft falle ich zurück in alte Gewohnheiten. Wenn ich hier über meinen persönlichen Weg im Glauben spreche, dann bin ich dabei kein Experte. Ich fühle mich wie einer, der versucht, im täglichen Leben Glauben in die Praxis umzusetzen.

Was bedeutet Über-setzen für mich?
Mein Leben hat eine Menge damit zu tun, Führungskraft zu sein. Der eine oder andere kennt vielleicht ein Unternehmen aus meiner Verlagsgruppe. Zu ihr gehören der VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, der FID Fachverlag für Informationsdienste und der ADI Auftragsdienst der Deutschen Industrie, ebenso Verlage in Washington, Warschau, Bukarest und anderen Städten. Die Verlagsgruppe gibt 60 Zeitschriften, Informationsdienste und Loseblatt-Zeitschriften heraus. Zu unseren Kunden gehören vorwiegend selbständige Unternehmer. Thematisch geht es in den Produkten deshalb um Fragen wie Unternehmensgründung und -aufbau, Finanzen, Marketing, Personalfragen bis hin zur Geldanlage. Viele von Ihnen werden schon Post von uns bekommen haben – jeder tausendste Brief in Deutschland kommt von unserem Verlag. 250 festangestellte Mitarbeiter haben wir in Bonn-Bad Godesberg, 600 sind es weltweit.

Der Verlag entstand aus kleinsten Anfängen. Im Alter von 18 Jahren habe ich in meinem zwölf Quadratmeter großen Zimmer im Elternhaus angefangen. Im Laufe der Jahre habe ich das Unternehmen zu einer der größten Fachverlagsgruppen aufgebaut.

Irgendwann merkte ich dann, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht die Erfüllung bringt. Manche Menschen meinen ja: „Wenn ich doch nur das große Los ziehen würde, wenn ich doch nur 1 Million DM im Lotto gewinnen würde, dann, ja dann wäre alles ganz anders.“

Natürlich macht Erfolg Spaß, und man sieht gern, dass Ideen sich tatsächlich verwirklichen lassen, dass Anstrengung sich lohnt und von Erfolg gekrönt wird. Wenn alles klappt, gibt das Befriedigung. Außerdem kommt man zumindest in meinem Beruf weit herum, lernt interessante Menschen und Plätze überall auf der Welt kennen.

Wirtschaftlicher Erfolg bringt aber auch viel Stress, Neid, eine Menge Konflikte und viel Einsamkeit mit sich. Inneren Frieden und Erfüllung bringt wirtschaftlicher Erfolg nicht mit sich. Der kommt nur durch die persönliche Beziehung zu Gott. Wie oft gibt es Entscheidungen, wie oft gibt es Dinge, die nicht in meiner Hand liegen und einem den Schlaf rauben könnten! Und dennoch kann ich ruhig schlafen, weil ich im Gebet Gott alle meine Sorgen anvertrauen kann. Und da empfinde ich die Jahreslosung als so wohltuend:

„Siehe ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Wie oft gibt es Entscheidungen, wie oft gibt es Dinge, die nicht in meiner Hand liegen. Die einem den Schlaf rauben könnten. Und wo ich dennoch ruhig schlafen kann, weil ich im Gebet IHM alle meine Sorgen anvertrauen kann.

Über-setzen

„Über-setzen“, sagte die feine ältere Dame,
ehemalige Landtagspräsidentin, als ich sie auf der von Campus für Christus veranstalteten Explo traf:

“Über – setzen, das ist unsere Aufgabe…
Immer wieder neu deutlich machen: was bedeutet Gottes Wort heute für uns in unserer konkreten Lebenssituation.“

Die Herrnhuter beschreiben in den diesjährigen Losungen, worauf es beim Übersetzen ankommt: „Beim Übersetzen geht es um mehr als nur um das Übertragen von Versen … Es ist ein Über-Setzen im eigentlichen Wortsinn, ein Übersetzen mit einer Fähre von einem Flussufer zum anderen, von einer Sprache zu einer anderen, von einer Mentalität zur anderen.“

Wenn ich meinem Vortrag hier den Titel gegeben habe
„Über – setzen ins 21. Jahrhundert“, dann aus mehreren Gründen.
1. persönliches Über – setzen, Ihnen gerade aufgezeigt
2. Die Aussage der Schweizerin mich sehr angesprochen hat:
unsere Aufgabe ist es, Gottes Botschaft immer wieder zu übersetzen
3. Zeiten immer schnelleren Wandels leben: das übersetzen also an Bedeutung gewinnt

Wir begreifen immer weniger, weil es immer weniger zu greifen gibt.

Dass diese Zeit immer schnelleren Wandels und steigender Komplexität zusammenfällt mit der Jahrtausendwende unseres Kalenders, ist für mich nicht das Entscheidende. Auch die Zeit, in der Martin Luther und die anderen Reformatoren sein neues Verständnis des Evangeliums entwickelte, war eine Zeit enormen Wandels, verbunden mit schweren sozialen Erschütterungen. Schon damals gab es gravierende wirtschaftliche Veränderungen: Das Aufblühen des Fernhandels, der Übergang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft, der italienische Mönch Lucas Paciolo hatte gerade die doppelte Buchführung erfunden, Oberitalien war das, was heute die USA sind. Wer was werden wollte, lernte dort sein kaufmännisches Handwerk. Jakob Fugger nannte sich selbst Giacomo. Schnellen Reichtum gab es auf der einen Seite, auf der anderen Seite gab es das Abgleiten ganzer Volksschichten in eine niedere Lebenshaltung (vgl. Wolfgang Metzger, Band 4 der Calwer Lutherausgabe).

Für uns ist heute kaum mehr vorstellbar, was Wirtschaften damals bedeutete.

Als mit 18 Jahren mein Vater vorgezogene Abiturfreude mich und meinen Bruder Robert nach USA zum ersten mal mitnahm: Amish people.

Keine 2 Stunden von der 4 Millionenstadt Philadelphia, keine 4 Stunden von New York:

Mennoniten mit Pferdekutsche Tag ein Tag aus unterwegs.

Wir alle, die wir mit Auto, mit Zug oder mit Flieger hierher, haben und anders als diese Mennoniten entschieden.

Wir leben auch in der Welt, bedienen uns der Entwicklungsergebnisse.

Für mich als Stadtmensch: Strom kommt klar aus der Steckdose.
Wasser aus dem Kranen. Über das davor keine Gedanken.

Als neulich in einer Schulklasse gefragt wurde: Rechnet mal, wie viel Liter Milch eine Kuh die Woche gibt, da haben die meisten Kinder mit 5 Tagen gerechnet.

Zusammenhänge der Landwirtschaft mir vollkommen unklar. Was es heißt, Herde zu betreuen, dass weiß ich nicht aus eigener Erfahrung. Deshalb Über – setzen so wichtig.

Tausende von Jahren war Landwirtschaft die vorherrschende Wirtschaftsform. Dann kam die Industrialisierung, die unsere Gesellschaft 160 Jahre lang prägte. Das heißt, immer mehr Menschen gingen von der Landwirtschaft in die Industrie.

Doch kaum hatte ich in der Schule kapiert, wie ein Stahlofen funktioniert und was die klassische Funktion eines Arbeiters ist, da musste ich mich schon umstellen. Das Zeitalter der Dienstleistungsgesellschaft begann. Die Zahl der Arbeiter nahm rapide ab, die der Dienstleister stieg enorm.

Ich will alles sofort. Mahlzeiten nicht mehr lange zu Hause gekocht, sondern fast food

Kaum haben wir uns an die Dienstleistungsgesellschaft gewöhnt, kommt schon der nächste Wandel, diesmal hin zur Wissensgesellschaft. Wie lange wird es sie geben? Und was kommt danach?

Entsprechend dieser Entwicklung waren die materiell reichsten Männer und Frauen der Welt früher Immobilienbesitzer, dann Industriemagnate und schließlich Dienstleistungskönige. Heute ist das schon nicht mehr der Fall. Heute gehört Bill Gates zu den reichsten Menschen dieser Erde. Sein Produkt ist Software, mit der fast alle PCs laufen. Er ist also ein typischer Vertreter der Wissensgesellschaft. Ebenso wie Warren Buffett – er ist Aktienanleger.

Dr. Barrenstein nannte es richtig:

Bis in die 50er-Jahre waren es die Jahrzehnte der Produktion,
die 60er waren das Jahrzehnt des Marketing,
die 70er das Jahrzehnt der Strategie,
die 80er das Jahrzehnt der Qualität,
die 90er das Jahrzehnt der Kundenzufriedenheit (und die reicht schon nicht mehr aus, um erfolgreich zu sein). Das nächste Jahrzehnt wir das Jahrzehnt der Echtheit und Innovation.

So sieht es Dr. Barrenstein von McKinsey, andere sehen gar das gesamte 21. Jahrhundert als das Jahrhundert der Ethik, der Werte und der Religion.

Die Analysten und Redakteure unserer Publikationen zum Thema Trends werten das aus, was weltweit an Entwicklungen zu erkennen ist. Eine gerade abgeschlossene Studie nennt folgende zehn Trends:

1. Neue Formen der Arbeit

Die neue Selbständigkeit, neue Selbstverantwortung. Wir sehen ja, dass zum Beispiel immer mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten.

2. Vom Gastarbeiter zum Weltbürger

Die Welt wächst zusammen mit einem neuen Bürgerverständnis.

3. Von der Massenproduktion zur intelligenten Individualisierung

4. Megatrend Virtuelle Geschälte.

Zur Zeit der Reformation gab es den Übergang von der Realwirtschaft zur Geldwirtschaft. Geld als abstraktes Zahlungsmittel gewann an Verbreitung. Heute erleben wir, dass selbst dass Anfassen der Ware, das Zusammenkommen von Käufer und Verkäufer entfällt. Handel und Wirtschaft vollzieht sich mehr und mehr im virtuellen Raum, bei dem Entfernung kaum mehr eine Rolle spielt.

5. Smart Tech

(Vereinfachungstechnologie): Vom Mikroprozessor zur Nanotechnologie.

6. Vom Jugendkult zur Wertschätzung des Dritten Alters

7. Weniger Staat, mehr private Initiative in Schule und Universitäten, Aus- und Weiterbildung.

8. Von der Elektronik zum Jahrhundert der Biologie

9. Vom „Alles-haben-Wollen“ zum Leben in Balance.

10. Vom Materialismus zur Spiritualität.

Wir haben immer noch eine der leistungsfähigsten Volkswirtschaften der Weit. Bei uns gibt es im Vergleich zu vielen anderen Ländern einen sehr guten Ausbildungsstand, ein stabiles Rechts- und Finanzsystem und immer noch einen großen sozialen Konsens. Doch Überregulierung und Überbesteuerung machen unseren Betrieben und den selbständigen Unternehmern zu schaffen. Wir sind das Land mit den meisten Steuervorschriften in der Welt. 60 Prozent der Welt-Steuerliteratur wird bei uns produziert. Schon vor 20 Jahren schimpfte Bundeskanzler Helmut Schmidt, dass es selbst ihm als gelernten Wirtschaftswissenschaftler nicht mehr gelänge, seine Stromrechnung zu lesen. Seitdem sind bei uns noch mehr Vorschriften erlassen worden, kaum etwas wurde wirklich vereinfacht.

Wer ein Haus bauen, eine Stiftung gründen oder sein eigenes Unternehmen aufmachen will, steht oftmals vor einem Hürdenlauf durch die Vorschriften-Landschaft. Wer als Arbeitsloser sich mit dem Putzen von Fenstern selbständig Geld verdienen will, dem bedeuten viele Handwerkskammern, er dürfe das erst nach Absolvierung einer Ausbildung machen. Wer eine Garage nutzen möchte zur Gründung seines Unternehmens, dem sagt die Arbeitsstättenverordnung: Dies ist nur erlaubt, wenn die Garage Fenster hat. Die Bauordnungen verbieten jedoch genau das.

Hinzukommt bei vielen die Vorstellung, dass der Staat für alles zu sorgen habe und Privatinitiative mit Makel behaftet sei. Kleine, schnelle Einheiten sind aber viel eher in der Lage, die zunehmende Schnelligkeit und Komplexität unserer Welt zu bewältigen als der Koloss Staat oder andere übergroße Organisationen. So fehlt oftmals der Mut zu Neuem und die Bereitschaft, selbständig zu handeln, aus eigener „Verantwortung vor Gott und den Menschen“.

Eine der großen Entwicklungen unserer Wirtschaft in den letzten Jahren war die Konzentration auf die Kernkompetenz. Firmen, die früher versuchten, vom Bügeleisen bis zum Flugzeug alles für jeden zu produzieren, konzentrieren sich heute ganz bewusst auf das, was sie am besten können.

Hier möchte ich Gemeinden und Kirchen Mut machen, sich auf das zu konzentrieren, was sie besser können als andere. Wenn es heißt, das 21. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Ethik, dann sehe ich hier die große Chance für die Kirche und für alle, die bereit sind, als Christen Führungsaufgaben zu übernehmen.

Was wäre, wenn unsere gesamte Gesellschaft in einer Art Midlife-Krise wäre? Viele Symptome sind da: Ausgebrannt sein, Gedanken an Abhauen, äußere und innere Emigration. Wer von den Jungen will noch Verantwortung tragen? Ich, ich, ich, ruft es vielerorts. Wer will noch dienen? Wer will noch hören: „Frage nicht, was die Gemeinschaft für dich tun kann, sondern was du für die Gemeinschaft tun kannst? Das Führen durch und aus der Midlife-Krise ist etwas, was wir weder in der Schule, noch in der Uni noch in der Lehre mitbekommen – hier eröffnet sich eine Riesenchance für Kirche.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn

ich habe Ihnen 3 Punkte berichtet:
1. Mein Weg zum Glauben
2. Was Über – setzen für mich bedeutet
3. Was Trendforscher an wirtschaftlichen Entwicklungen für das 21. Jahrhundert erwarten
Und welche großen Gelegenheiten ich für die Kirche sehe.

Lassen Sie mich schließen mit einem Zehn-Zeiler,
den ich Pfingsten vor 5 Jahren bei einem Gottesdienst in New Orleans erhielt.

Bei allem, was wir über Führung, über Organisationsstrukturen, über gesellschaftliche und andere Veränderungen hier besprechen, rückt er mit wenigen Zeilen alles in Perspektive:

Wenn Wissen unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns ein Universalgenie geschickt.

Wenn Technologie unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns einen Technik-Wissenschaftler geschickt.

Wenn Geld unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns einen Ökonomen geschickt.

Wenn Unterhaltung unser größtes Bedürfnis wäre,
hätte Gott uns einen Entertainer geschickt.

Aber so, da Vergebung unser größtes Bedürfnis ist,
schickte er uns einen Erretter.

Und so heißt es auf der letzten Seite der Gideon-Bibel:

Mein Entschluß, Jesus Christus als meinen Erretter anzunehmen

Ich bekenne Gott, dass ich ein Sünder bin,
und ich glaube,
daß der Herr Jesus Christus für meine Sünden am Kreuz gestorben ist.
Ich nehme ihn jetzt an und
bekenne ihn als meinen persönlichen Erretter.