Nur eines wollen

Vater im Himmel! Was ist doch ein Mensch ohne Dich!
Wie ist alles, was er weiß, wäre es auch die Menge der Mannigfaltigkeit, nur ein Bruchstück, wenn er Dich nicht kennt;
wie ist all sein Streben, wäre es auch weltumspannend, nur eine halbfertige Arbeit, wenn er Dich nicht kennt, Dich, den Einen, der Eines ist und Alles!
So gib Du dem Verstande Weisheit, das Eine zu fassen, dem Herzen Aufrichtigkeit, das Verstandene anzunehmen, dem Willen Reinheit, nur Eines zu wollen;
gibt Du in guten Tagen Beharrlichkeit, nur Eines zu wollen; in Zerstreuungen Sammlung, nur Eines zu wollen; in Leiden Geduld, nur Eines zu wollen.
O Du, der Du beides gibst, das Anfangen und das Vollenden, gib zeitig, wenn der Tag graut, dem Jüngling den Entschluß, nur Eines zu wollen;
wenn der Tag sich neigt, gib Du dem Greise ein erneutes Gedenken an den ersten Entschluß, daß das Letzte wie das Erste und das Erste wie das Letzte sein möge, das Leben dessen, der nur Eines wollte.

Søren Aabye Kierkegaard – dänischer protestantischer Theologe und Philosoph (1813-1855), gilt als einer der bedeutendsten Denker Dänemarks, aus „Die Reinheit des Herzens ist es, Eines zu wollen“, in „Erbauliche Reden in verschiedenem Geist“ (1847), Zitateheft 2017